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Große, schwarze Schwänze als Fetisch verstehen

March 10, 2018

Pornographie, die dominante, aggressive, schwarze Männer und große schwarze Schwänze zeigt, ist einer der größten Kassenschlager der Porno-Industrie. Wie ist dieser Fetisch entstanden?

 

[This article also exists in English.]

 

 Afro-amerikanischer Pornostar Flex-Deon Blake

 

 

Aktive, dominante, schwarze Männer mit großen Schwänzen sind ein Klischee, das jedoch Unmengen an Gelder in die Kassen der Porno-Industrie fließen lässt. „Ebony“, also Pornographie mit schwarzen Protagonist*innen, landete 2017 auf Platz 3 der am meisten gesehenen Pornokategorien in den Statistiken von Pornhub. In vielen Ländern hat Ebony es in die Top 5 der am beliebtesten Porno-Kategorien geschafft, zum Beispiel Frankreich, die USA, oder Südafrika – alles Länder, die nicht nur auf historisch besondere Weise mit der schwarzafrikanischen Bevölkerung, dem Kolonialismus oder der schwarzafrikanischen Sklaverei verbunden sind, sondern die auch heute große schwarze Bevölkerungsgruppen aufweisen. Nun beinhaltet Ebony nicht nur schwarze Cis-Männer, sondern auch Menschen anderen Geschlechts, aber dennoch machen (vor allem dominante, aggressive) schwarze Männer und der Fokus auf große schwarze Schwänze einen Hauptteil bei Ebony aus. Dies ist insbesondere bei schwuler Pornographie der Fall, wo sich in den Top 20 Suchbegriffen Wörter wie „black“ (Platz 5) und „big black dick“ (Platz 11) wiederfinden. Die Kategorie „black“ ist sogar auf Platz 1 der am meisten gesehen schwulen Pornokategorien. Auch wenn man den Pornokonsum von ausschließlich Frauen betrachtet, landet „big black dick“ auf Platz 9 und „black“ auf Platz 14 der beliebtesten Porno-Schlüsselwörter. Bei Männern landet „ebony“ auf Platz 14. „Ebony“ war dann auch die zweitbeliebteste Kategorie bei Männern und die fünftbeliebteste bei Frauen.

 

Woher kommt diese Porno-Phantasie? Ich möchte versuchen, dies mit meiner Theorie der Soziologie sexueller Fetische zu erklären. Davor möchte ich jedoch noch einmal verdeutlichen, dass dies nur eine von vielen möglichen Sichtweisen ist. Gemäß der Philosophie von ORGYSMIC, ist dies in keiner Weise ein Artikel, der behauptet, die absolute Wahrheit gefunden zu haben. Es ist vielmehr eine Sichtweise unter vielen, und diese Sichtweise ist geprägt von den Lebenserfahrungen eines weißen, schwulen, cis-männlichen Soziologen aus der oberen Mittelschicht. Für manche mag dies jetzt vielleicht seltsam wirken, dass dies hier Erwähnung findet, jedoch erachte ich es als maßgeblich, die wichtigsten biographischen Daten eines Schreibenden zu kennen, um sein Geschreibe einordnen zu können. Eine nicht-weiße Person, oder jemand aus einer anderen gesellschaftlichen Schicht käme vielleicht durch die dort vorherrschenden Wissensstrukturen zu anderen, ebenso interessanten Sichtweisen. 

 

Darüber hinaus möchte dieser Artikel auch keine moralische Bewertung vollziehen. Mein Ziel ist es nicht, zu sagen, ob diese Phantasie, dieser Fetisch nun gut oder schlecht ist. Vielmehr möchte ich neutral erkunden, wo dieser Fetisch herkommt und höchstens noch, was eine moralische Bewertung dessen bewirkt oder bewirken würde.

 

 

Große schwarze Schwänze – Die Phantasie des Kolonialismus

 

Wie viele Bereiche des westlichen Denkens baut auch der Kolonialismus und der Rassismus auf gegensätzlichen Kategorien auf: weiß vs. schwarz, Kultur vs. Natur, Mensch vs. Tier, Vernunft vs. Triebe/Instinkte, zivilisiert vs. wild, us.w.. Wie ich bereits in meinem Artikel über die Soziologie sexueller Fetische verdeutlicht habe, bauen die meisten regelmäßig auftretenden Fetische auf solchen Dualismen auf. 

 

Die Geschichte des afrikanischen Kolonialismus ist durchsetzt von den oben genannten Dualismen. Die Eroberung des afrikanischen Kontinents wurde von den Kolonialherren immer wieder mit der Kontrolle und Beherrschung der wilden, unzivilisierten Natur gerechtfertigt. Der afrikanische Kontinent und seine (schwarzen) Einwohner*innen galten als wild, trieb-geleitet, ja sogar tierisch. Demgegenüber stand die weiße, menschliche, vernünftige, zivilisierte Kultur des (weißen) Europas, dessen Aufgabe es war, die europäischen Werte in die Welt hinauszutragen. 

 

Um sicher zu gehen, dass kein Mitleid mit der afrikanischen Bevölkerung durch die brutalen Kolonialisierungsstrategien aufkam, wurde diese, und vor allem der männliche Teil dieser Bevölkerung, immer wieder mit Attributen wie „wild“, „gefährlich“, „brutal“, „aggressiv“, „unzivilisiert“ u.s.w. versehen. Insbesondere vor „gefährlichen, brutalen, übertrieben sexuellen schwarzen Männern“ wurde immer wieder gewarnt, was nicht zuletzt auch dazu diente, deren Unterwerfung und Kontrolle zu rechtfertigen.

 

Schwarze Männer wurden als „Affen“ betrachtet, als „brutale, aggressive, wilde Tiere“. Die Bestimmung des (weißen) Menschen und der menschlichen Kultur wurde jedoch darin gesehen, die Natur und alles was dazu gehört (also auch Körper/Sexualität, und im Zeitalter des Kolonialismus auch den wilden afrikanischen Kontinent) zu kontrollieren und teils zu unterwerfen. So gilt es für den Menschen "als eines der größten Tabus, in den Tierstatus zurückzufallen, nachdem [er] sich unter größten Anstrengungen aus dem Zustand der totalen Naturverfallenheit 'befreit' hat" (1). Langsam hat sich so auch im Feld dieser Dualismen das Schwarzafrikanische mit dem Sexuellen verbunden. Auf der „guten“ Seite der Dualismus-Kette standen Europa, Weißheit, Kultur, Mensch, Geist, Vernunft, Zivilisation und Gott. Auf der „schlechten“ Seite der Dualismus-Ketten standen Afrika, Schwarzheit, Natur, Tier, Körper/Sexualität, Trieb/Instinkt, Wildheit und Teufel. Diese Denkstrukturen haben sich im Kolonialismus durch die Sozialisierung in das Unterbewusstsein der Menschen eingeschrieben und leben bis heute im Prozess der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit fort, indem sie von Generation zu Generation unbewusst weitergegeben werden.

 

Um es mit den Worten Bergers und Luckmanns (2) zu sagen: Der Mensch erschuf (externalisierte) das Konstrukt des weißen, europäischen, zivilisierten, vernünftigen Menschen als das Gegenteil des schwarzen, tierischen, sexuellen, triebgeleiteten, wilden Menschen. Mit dieser Konstruktion und Externalisierung „sexueller, triebgeleiteter, wilder schwarzer Mann“ hatte er zugleich auch den ersten Schritt hin zu ebenjenem Fetisch erschaffen. Ohne diese Idee, diese sozial erschaffene, gefürchtete Phantasie, konnte aus der gefürchteten Phantasie auch nicht irgendwann eine ersehnte Phantasie werden. Es erschuf, um es mit Butler zu sagen, den „Komplex von zugleich gefürchteten und gewünschten Phantasien“ (3). Anschließend kam es zur Objektivierung: Der Glaube, dass schwarze Menschen, und insbesondere schwarze Männer im Gegensatz zu weißen, europäischen Menschen übermäßig sexuell (mit übermäßig großen Schwänzen), wild und gefährlich seien, wurde zur allgemeingültigen, gesellschaftlichen "Wahrheit". Selbst wenn dies wenig mit „tatsächlichen, realen Fakten“ zu tun hat: Es wurde dennoch zu einer gesellschaftlich akzeptierten, unhinterfragten Gewissheit. Und das auch – und dies ist hier ausschlaggebend – äußeren Druck auf die Menschen ausübt, sich diesem Glauben zu fügen und sich vor diesen „wilden, schwarzen, vergewaltigenden Männern“ zu fürchten. Danach kam es zur Internalisierung (also Verinnerlichung) des Glaubens, dass schwarze Männer so sexuell und wild seien. Der Glaube schrieb sich in das Unterbewusstsein eines jeden Menschen innerhalb seiner Sozialisierung ein und wird auch bis heute noch kulturell unbewusst weitergegeben. Zwar nicht mehr so stark, aber noch immer ist diese Phantasie im kulturellen Gedächtnis, und damit im Unterbewusstsein eines jeden seiner Mitglieder präsent. Aus dem äußerlich auferlegten Glauben Druck wurde ein innerlicher Glauben. Aus dem äußeren Druck, sich ja vor diesen „sexuellen Monstern“ zu schützen, wurde ein innerlicher Druck, dies zu tun. Der Mensch kontrolliert von nun an sich unbewusst selbst, um diesem Glauben entsprechend zu handeln und zu denken.

 

Diese Verinnerlichung erfolgte maßgeblich auch durch die Biomacht (4). Die Europäer*innen hatten gelernt, sich vor der vermeintlich sexuellen Wildheit der Schwarzafrikaner*innen zu schützen, sich dem immer zu widersetzen. Darüber hinaus mussten die Weißen natürlich auch alles an sich selbst verneinen, was sie den Schwarzen zuschusterten, also auch die Sexualität und insbesondere das, was sie als zügellose, wilde Sexualität betrachteten. Dies wurde komplett aus der europäischen Zivilisation herausargumentiert und auf das schwarze Afrika projiziert. Folglich entstand ein enormer innerlicher Druck, sich nicht nur vor der Sexualität des afrikanischen Mannes zu fürchten, sondern auch jegliche eigenen sexuellen Phantasien zu leugnen.

 

Der von Foucault beschriebene potentielle, kritische Blick der Mitmenschen, spielt eine maßgebliche Rolle bei der Verinnerlichung dieser Dualismen. Aus Angst vor Bestrafung, Spott und Ablehnung fängt jeder Mensch an, sich selbst zu überwachen und seine eigene Sexualität zu kontrollieren. Da die Biomacht so allgegenwärtig und tiefgreifend ist, bestärkt sie den Druck, in den Augen anderer als "normal" gelten zu wollen. Und "normal" heißt hier, sich so zu verhalten, dass man all diesen beschriebenen Anforderungen der Kontrolle der schwarz und wild konnotierten Sexualität entspricht. 

 

Die Biomacht schreibt dies daraufhin im Habitus eines jeden Menschen ein. Diese Verhaltensweisen, diese Denk- und Handlungsmuster basierend auf der Weltsicht des Weiß/Zivilisiert-Schwarz/Wild/Sexuell-Dualismus werden dann zu einer "zweiten Natur", zum Habitus des westlich sozialisierten Menschen. Ich habe bereits beschrieben, wie durch die Objektivierung in der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit der Glaube an den Weiß-Schwarz-Gegensatz zu einer gesellschaftlich erschaffenen "Wahrheit" wird. Es ist diese Wahrheit, dieses "Natürliche" und dieses Selbstverständliche, das zur Doxa, also zu diesen Grundüberzeugungen und Werten der Kontrolle der wilden, afrikanischen, sexuellen Natur durch die europäische, weiße, zivilisierte Kultur wird. Diese bei der Verinnerlichung durch die Biomacht tief in unser Unterbewusstsein eingeschriebene Doxa leitet dann das Sexualität kontrollierende Denken, Sehen und Handeln.

 

 

Die Sehnsucht nach dem Verbotenen

 

Dies führt unweigerlich zu einem enormen inneren Druck. Der Mensch kann diese inneren Spannungen zwischen dem, was er ist (also auch das Sexuelle), und dem, was er sein soll, nicht dauernd kontrollieren. Diese Spannungen haben deswegen das Potential sich in der Sexualität durch Erregung zu entladen, indem man sich genau in das hineinfallen lässt, was man ja doch eigentlich komplett vermeiden soll: sich den (vermeintlich) hypersexuellen, dominanten, schwarzen Männern mit ihren (vermeintlich) großen Schwänzen hinzugeben. Anders gesagt: es törnt uns an, das zuzulassen was der Kolonialismus uns beigebracht hat, dauernd unterdrücken zu sollen. Das Verbotene, die Gefahr, das Tabu entwickelt dadurch, dass es ein Tabu ist gleichzeitig ein unglaublich starkes Erregungspotential. Dadurch, dass schwarze Männer als gefährliche, hypersexuelle, wilde, aggressive Tiere postuliert wurden, kann es für manche eine unglaubliche Erregung bedeuten, dieses Verbotene zuzulassen, sich fallen zu lassen, und sich sinnbildlich "den alles durchfickenden, alles besamenden, schwarzen Schwänzen" hinzugeben. Der Fetisch des schwarzen Mannes ist geboren.

 

Die Biomacht verinnerlicht die Doxa der Gefahr des schwarzen Mannes und der Gefahr seiner Sexualität in unserem Unterbewusstsein, so dass auch wir uns selbst ständig und tiefgehend kontrollieren, ja dem nicht zu verfallen. Auch wenn dieser Druck meist komplett unbewusst wirkt und er ein Relikt aus vergangenen Zeiten ist, so ist er trotzdem immer noch da, wie die Statistiken von Pornhub eindrucksvoll zeigen. Und er liegt auf uns wie ein drückender Schatten. Welch Befreiung, welch Erlösung es doch bietet, sich daraus einmal kurz zu befreien. Sich endlich einmal komplett fallen zu lassen. All dies, was wir kontrollieren und unterdrücken, einmal hemmungslos rauszulassen. Sich in die "kräftigen, starken Hände des schwarzen Mannes mit dem Riesenschwanz zu begeben, dessen Sexualität alles verschlingt und für sich vereinnahmt."

 

Dabei bleibt es weiterhin unerheblich, ob die Phantasie des hypersexuellen schwarzen Mannes mit seinem großen Schwanz einer tatsächlichen Realität entspricht oder es ein soziales Konstrukt ist. Frei nach dem soziologischen Thomas-Theorem (5), das besagt, dass jedes menschliche Handeln reale Konsequenzen zur Folge hat, ganz gleich wie irreal die Situationsdefinition war, die zu der entsprechenden Handlung geführt hat:


„Wenn die Menschen Situationen als real definieren, sind sie in ihren Konsequenzen real."
 

Dadurch dass hypersexuelle schwarze Männer von vielen als real empfunden wurden, ist die Konsequenz der gefürchteten Phantasien real. Und dadurch auch die gewünschten Phantasien, die Fetische, die daraus entstehen.

 

Sexuell aktive, dominante, aggressive schwarze Männer, und vor allem der Fokus auf ihre Sexualorgane, auf große schwarze Schwänze sind also gefürchtet und ersehnt zugleich. Und je mehr man sie nicht ersehen soll, desto stärker wird das Verlangen danach. Je mehr also eine Kultur Angst vor hypersexuellen schwarzen Männern schürt, oder je mehr sie einem erzählt, dass man dieses Verlangen danach nicht haben soll, desto mehr wird die Phantasie gestärkt. 

 

Daraus ergibt sich dann auch die Frage: Ist dieser Fetisch Teil des Rassismus? Oder ist er eher eine Spiegelung des Rassismus einer Gesellschaft? Reproduziert dieser Fetisch Rassismus oder hält er einer rassistischen Gesellschaft vielmehr den Spiegel vor? Lasst es mich wissen in den Kommentaren unter diesem Artikel!

 

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(1) Sebastian, Marcel; Gutjahr, Julia (2013): Das Mensch-Tier-Verhältnis in der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, S. 105, in: Buschka, Sonja; Pfau-Effinger, Birgit (Hrsg.): Gesellschaft und Tiere – Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis, Wiesbaden, S. 97-119.

 

(2) Vgl. Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas (2003): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit – Eine Theorie der Wissenssoziologie, 19. Aufl., Frankfurt am Main.

 

(3) Butler, Judith (2014): Das Unbehagen der Geschlechter, 17. Aufl., Frankfurt am Main, S. 197.

 

(4) Vgl. Foucault, Michel (2017): Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit I, 21. Aufl., Frankfurt am Main.

 

(5) Vgl. Thomas, William Isaac (1928): The Methodology of Behavior Study, in: Knopf, Alfred: The Child in America – Behavior Problems and Programs, New York, S. 553–576.

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