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Der Sexblog. Soziologische und psychologische Analysen der Sexualitäten. Gewagt, erotisch, sexy, provozierend und leicht verständlich.

Der Ursprung von BDSM, Exhibitionismus & Piss-Sex

February 10, 2018

Über die Entstehung sexueller Fetische

 

Sex ist oft mehr als nur reines Ficken. Wir peitschen uns aus. Wir führen uns an der Leine herum. Wir pissen uns gegenseitig an. Wir nennen uns "Mommy", "Girl", "Daddy" oder "Boy". Es erregt uns, an öffentlichen Orten zu ficken. Wir kleiden uns in Latex-Hunde- oder Pferde-Masken. Doch warum gibt es solche Fetische überhaupt? Wie entstehen Fetische, wie zum Beispiel Sadismus/Masochismus, Fäkal-Sex oder Pet Play? Und was können wir aus der Soziologie und Psychologie darüber lernen?

 

[This article also exists in English.]

 

 © photo by Jeff Mannes / orgysmic.com

"Gott, befrei uns von dem Drang, das Verbotene zu tun. Lass den Hang zum Untergang im tiefsten Grund der Seele ruh'n. Und vergib uns unser Gier'n nach dem Bösen und der Nacht. Lass uns nicht den Kopf verlier'n, wenn das Tier in uns erwacht. Gott, beschütz' uns vor der Sucht, mehr zu wollen, als uns frommt. Und versperr' uns jede Flucht, wenn die Lust uns überkommt."

 

- Tanz der Vampire

 

 

Manche würden einige der hier beschriebenen Fetische vielleicht als "krank" oder "pervers" bezeichnen. ORGYSMIC – Der Sexblog – sieht sich als sex-positiver Blog, der alle Formen einvernehmlicher Sexualität begrüßt. Wir sehen von Stigmatisierungen ab. Vielmehr möchte ich mit diesem Artikel eine soziologische Untersuchung des Ursprungs sexueller Fetische wagen.

 

Den Fetisch definiere ich hier vor allem als Kopfsache. Es geht um Praktiken und Gedanken, die meist (aber nicht immer) sexuelle Erregung hervorrufen, die über den simplen Genital-Oral-, Genital-Genital-, und Genital-Anal-Sex hinaus gehen, bzw. wenn die Erregung nicht oder nicht ausschließlich durch körperlichen Kontakt entsteht, sondern auch durch die Idee im Kopf. Es tut mir also Leid, falls du nach einer Erklärung für Fetische suchst, die rein auf Kleidung basieren (wie z.B. Leder oder Gummi). Dieser Artikel kann dir dafür keine Antwort liefern, es sei denn, die Kleidung ist integraler Bestandteil eines ganz bestimmten sexuellen Verhaltens oder einer sexuellen Rolle.

 

Für meinen Artikel habe ich verschiedene soziologische Theorien zusammengeführt. Allerdings ist dies nur eine bestimmte Sichtweise auf das Phänomen. In keiner Weise soll dieser Artikel die endgültige Wahrheit hinter dem Phänomen von Fetischen darstellen. Es ist nur eine Momentaufnahmen mit aktuell vorhandenem Wissen und dem Versuch, dieses Wissen in eine Theorie zu verpacken, so subjektiv dieses Wissen auch immer sein kann. Im Sinne des Post-Strukturalismus kann Wissen nicht neutral oder objektiv sein. Es ist abhängig von vielen verschiedenen Faktoren, so auch von Machtstrukturen, in die ich selbst natürlich auch eingebettet bin und die mein "Wissen" prägen.

 

 

Persönliche und soziale Fetische

 

Ich unterscheide zwischen persönlichen und sozialen Fetischen. Soziale Fetische nenne ich solche, die relativ häufig bei mehreren Menschen innerhalb einer Kultur auftreten. In der westlichen Kultur könnte man zum Beispiel BDSM, Piss-Sex, Fäkal-Sex (auch "Scat" genannt), bestimmte Rollenspiele, Sex in der Öffentlichkeit, oder auch Puppy Play dazuzählen. Sie kommen so häufig vor, dass es sich in manchen Großstädten lohnt, in verschiedensten Clubs Sex-Parties zu organisieren, mit Namen wie "Yellow Facts: Piss without dresscode", "Athletes Fit for Fuck: Sportswear and Sneakers", "Mask: No face, just body", "Work ‘n dicks: Get off in your workwear", "Scat: Smear it, smell it, break a rule", "Mud Party: Do it pig-style", "Drecksloch: The After-Mud-Dirthole-Piss-Fuck", oder auch "Pump electro tits: Raw body torture". Persönliche Fetische nenne ich solche, die nur bei sehr wenigen Menschen oder sogar nur einer einzigen Person innerhalb einer Kultur vorkommen. Zum Beispiel wenn jemand es geil findet, anderen beim Apfelessen zuzusehen. Oder auch Erregung, wenn man die Zahnarztrechnungen einer anderen Person zahlen darf. Dies sind tatsächlich existierende Fetische, die aber so selten sind, dass sie vielleicht nur bei einer einzigen Person zu finden sind.

 

Für diesen Artikel möchte ich mich gerne auf soziale Fetische beschränken, also diejenigen, die relativ häufig vorkommen. Dabei werde ich sie aus dem Licht einiger klassischer und moderner sozialwissenschaftlicher Theorien betrachten.

 

 

Fetische als Nebenprodukt der Sozialisierung

 

Zentrales Thema ist dabei die Sozialisierung. Um es einfach zu erklären: Sozialisierung ist der Prozess, bei dem wir unbewusst lernen, uns so zu verhalten, so zu sprechen und selbst so zu denken, wie es in unserer Kultur als "normal" gilt. Sozialisierung ist der Grund, warum sich französische Männer (jeglicher sexueller Orientierung) mit Wangenküssen begrüßen, während deutsche (vor allem heterosexuell identifizierte) Männer sich die Hände schütteln, um das Gleiche zu tun. Sozialisierung führt dazu, dass all diese Verhaltensweisen und Denkmuster zu einer "zweiten Natur" werden. Obwohl wenn es keine biologische Ursache dafür gibt, fühlen sie sich dennoch für uns "natürlich" an.

 

Die Sozialisierung ist wie eine unsichtbare Macht, die uns unbewusst lenkt. Sie befähigt uns, uns in die Gesellschaft einzugliedern und mit anderen Menschen in dieser Gesellschaft zu kommunizieren und zu interagieren. Ohne dass wir es merken, zwingt sie uns aber auch, uns gemäß der jeweiligen Normen, Regeln und Werte unserer Kultur zu verhalten. Wir handeln nicht nur gemäß unserer Sozialisierung, sogar unser Denken wird von ihr gelenkt. Meist erscheint es uns unmöglich, uns andere Sachen vorzustellen, als die, die wir kennen. Wir können nur in sehr bestimmten Bahnen denken. Und die Sozialisierung beginnt gleich bei Geburt: Eltern, Befreundete, Familie, Schule, Medien, u.s.w.: Überall sehen und lernen wir, wie wir uns als "normale Menschen" zu verhalten haben. Wir lernen dann, diese Normen, Regeln und Werte zu verinnerlichen. Aus dem äußerlichen Zwang wird dann ein innerlicher Zwang. Haben wir den Druck anfangs noch durch Andere unbewusst gespürt, so spüren wir ihn nun unbewusst in uns selbst. Ich möchte zeigen, wie dies zu innerlichen Spannungen führt, die womöglich der Ursprung sexueller Fetische sind. Fetische wären demnach im Grunde nichts anderes als dieser innerliche Druck, der sich in Form von sexueller Energie wieder entlädt. Und je größer die durch den Druck entstandenen innerlichen Spannungen, desto stärker die sexuelle Erregung beim Lösen der Spannungen. Je größer der Druck, dies oder das nicht zu tun/sagen/denken, desto erregender wird es, es doch zu tun/sagen/denken. Die Gesellschaft erschafft Fetische also quasi als "Nebenprodukt" der Sozialisierung.

 

 

Berger & Luckmann: Die versehentliche soziale Konstruktion von Fetischen

 

Doch wie genau entsteht dieses "Nebenprodukt"? Peter L. Bergers und Thomas Luckmanns Theorie der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit liefert hierfür Hinweise (1; 2). Demzufolge ist die Gesellschaft nicht nur ein Produkt des Menschen, sondern der Mensch ist auch (durch die Sozialisierung) ein Produkt der Gesellschaft. Es funktioniert wie ein Kreislauf: Mensch erschafft Gesellschaft, Gesellschaft erschafft Mensch. In diesem Kreislauf erschafft der Mensch auch die gesellschaftlichen Bedingungen, damit manche Fetische entstehen. Und diese Gesellschaft erschafft daraufhin Menschen mit gewissen Fetischen. Dieser Prozess "Mensch erschafft Gesellschaft erschafft Mensch" vollzieht sich in drei Schritten: 

 

Externalisierung: Menschen erschaffen Materielles (Gebäude, Gegenstände, u.s.w.) und Immaterielles (Gesetze, Normen, Regeln, Institutionen, u.s.w.) und somit die Grundlage für die Gesellschaft, in der sie anschließend leben.

 

Objektivierung: Das vom Menschen Geschaffene existiert nun unabhängig vom Menschen. Zuerst war das Auto eine Idee im Kopf eines Menschen. Diese Idee "externalisierte" er oder sie dann. Aus der Idee (abhängig vom Menschen, der die Idee hatte) wird ein real existierendes Auto, das dann real und unabhängig von seinem Erschaffer oder seiner Erschafferin existiert. Ähnlich ist es auch mit dem Immateriellen. Also mit Regeln, Normen, Gesetzen, aber auch Denkmuster, Handlungsoptionen, u.s.w.. Sie wurden ursprünglich von Menschen geschaffen, aber nun existieren sie unabhängig von ihnen. Deswegen auch der Begriff "Objektivierung": Aus der subjektiven Wirklichkeit beim Menschen wird eine "real existierende" objektive Wirklichkeit. Oder wie Berger und Luckmann es ausdrücken: Eine Realität "sui generis", die den Menschen dann als Fakt gegenübersteht und Druck auf diese ausübt.

 

Internalisierung: Ausgelöst durch diesen Druck kommt es durch die Sozialisierung wieder zur Verinnerlichung dieser Realität. Oder anders ausgedrückt: Aus der objektiven Realität wird wieder eine subjektive Realität. Wir verinnerlichen zum Beispiel nicht nur die Bedienung eines Autos, sondern auch die Regeln, Gesetze, Normen, Denkmuster, Handlungsoptionen, u.s.w. der Gesellschaft, in der wir leben. Diese Regeln, Normen, etc. standen im vorigen Schritt noch außerhalb von uns. Durch den Druck, den sie auf uns ausüben, schreiben sie sich quasi unbemerkt in unser Bewusstsein ein. Nun üben sie auch von innen heraus Druck auf uns aus. Ohne dass wir diesen Druck notwendigerweise bewusst spüren. Wenn in Deutschland ein Mann einem anderen Mann vorgestellt wird, liegt auf beiden ein sowohl äußerer, als auch sozialisierter innerlicher Druck, dem jeweils anderen zur Begrüßung die Hand zu geben. Dieser Druck ist nicht notwendigerweise von beiden spürbar, aber dennoch subtil da.

 

Nun ist das Händeschütteln ein banales Beispiel solch einer Internalisierung von Normen, Handlungsoptionen, o.ä.. Darüber hinaus gibt es natürlich viel komplexere, tiefgreifendere, historisch bedeutendere und weniger sichtbare Normen, Denkmuster oder Handlungsoptionen. Diese üben wiederum einen noch viel unbewussteren Druck auf uns auf. Sie formen nicht nur den Aufbau unserer Gesellschaft, sondern durch Sozialisierung auch unsere innere Gedankenwelt. Ich bin der Ansicht, dass sich hier einige Anhaltspunkte finden lassen, warum in einer bestimmten Gesellschaft bestimme sexuelle soziale Fetische anzutreffen sind. Durch den innerlichen Druck entstehen auch innerliche Spannungen, die sich in der Sexualität in Form von Fetischen entladen. Denn es ist bezeichnend, dass die meisten – wenn nicht sogar alle – sexuellen sozialen Fetische direkt oder indirekt mit einigen gesellschaftlich tief verwurzelten Normen und Denkmustern verbunden sind. Sie sind quasi ein "versehentliches Nebenprodukt" dieser sozialen Konstruktion der Wirklichkeit. Wie dies genau funktioniert, werde ich weiter unten am Beispiel des Pup Plays nachzuzeichnen versuchen.

 

 

Bourdieu: Fetische als "Anti-Habitus"

 

Das Konzept des Habitus, so wie es meistens in der Soziologie heute benutzt wird, geht auf den französischen Soziologen Pierre Bourdieu zurück. Beim Habitus handelt es sich um eine bestimmte Weise, wie die Welt betrachtet, und wie in bestimmten Situationen dann gehandelt wird (3;4). Auch er ist ansozialisiert: „Die Bereitschaft des Arbeiters, einen eingeschränkten Lebensstandard als etwas zu akzeptieren, das für seine Stellung normal ist, sowie auch die Art des Konsums, die Ess- und Lebensgewohnheiten, die Fernsehgewohnheiten und das Interesse am Sport gehören zu diesem Habitus. Es handelt sich um eine erworbene, relativ kohärente Reihe potentieller Weltsichten und Aktivitäten, die in Handlungssituationen verwirklicht werden. Es sind das Natürliche und das Selbstverständliche, die ‚Doxa‘, die das Denken, Sehen und Handeln anleiten. [...] Der Habitus eines Arbeiters und der kollektiv geteilte Habitus von Arbeitern insgesamt sind dauerhafter als ihre situativen Wünsche und Interessen; der Habitus ist die Verkörperung der dauerhaften Sozialstruktur und -organisation innerhalb ihrer Persönlichkeit.“(5)

 

Bourdieu beschreibt den Habitus auch als Matrix, die unser Handeln, Denken und Wahrnehmen lenkt und steuert. Menschen einer Gruppe (z.B. Geschlecht, Ethnie, Alter, Berufsgruppe, Schicht, u.a.) teilen also im Vergleich zu einer anderen Gruppe einen gemeinsamen Habitus. Das Gleiche kann über eine Gesellschaft als Ganzes im Vergleich zu einer anderen Gesellschaft gesagt werden. Hier liegt auch ein Schlüssel darin verborgen, zu erkennen, welche Fetische in welcher Gesellschaft regelmäßig auftreten und warum.

 

Zentral in Bourdieus Theorie ist auch der Begriff der Doxa. Er beschreibt die durch die Sozialisierung verinnerlichten Grundüberzeugungen und Werte, die Teil des Habitus werden. Es sind jene Werte, die sich so tief in unserem Bewusstsein einschreiben, dass wir nicht einmal auf die Idee kämen, sie in Frage zu stellen. Sie sind derart unterbewusst, dass wir sie nicht einmal explizit wahrnehmen, sondern dass sie vielmehr unbemerkt wirken: "Nichts erscheint unaussprechlicher, unkommunizierbarer, unersetzlicher, unnachahmlicher und dadurch kostbarer als die einverleibten, zu Körpern gemachten Werte." (6)


Gerade weil die Doxa so unterbewusst wirkt, führt sie zu innerlichen Spannungen. Einer dieser Grundwerte der Doxa ist zum Beispiel der, sich "menschlich" und nicht "wie ein Tier" zu verhalten. Und zum "zivilisierten", "Nicht wie ein Tier"-Verhalten gehört beispielsweise, dass wir am besten hinter verschlossenen Türen in eine hygienisch saubere Toilette pissen und dies dann so schnell wie möglich im Abfluss verschwindet. Nichts soll uns danach mehr an diesen "natürlichen", "tierischen" Prozess erinnern. Wir lernen quasi unsere eigene "Natürlichkeit", ja uns selbst konstant zu leugnen. Dies führt zu innerlichen Spannungen, die sich in erregender Entladung im Sexuellen in ihr Gegenteil umdrehen, also quasi in einen "Anti-Habitus": Der Piss-Fetisch ist geboren und es macht manche von uns plötzlich geil, auf andere zu pissen, angepisst zu werden, in Pisse zu liegen, in ihr gefickt zu werden oder sie zu trinken.

 

Der Anti-Habitus ist das genaue Gegenteil des Habitus. Durch die Einschreibung der Doxa des Habitus in unser Bewusstsein spüren wir auch immer einen unbewussten, konstanten Druck, uns genau so und nicht anders zu verhalten. Dieser Druck führt zu Spannungen und kann nicht konstant aufrecht erhalten werden. Die Spannungen entladen sich dann in sexueller Erregung in Form von Fetischen. Einfach ausgedrückt: Das Gegenteil (Anti-Habitus) zu tun, von dem was wir gelernt haben, zu tun (Habitus), macht uns geil. Der Anti-Habitus ist das unausweichliche Mitbringsel des Habitus. Er ist der Schatten dessen. Je stärker der Druck des Habitus, desto größer auch die Befriedigung durch den Anti-Habitus, den Fetisch. Habitus und Anti-Habitus sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Das Eine kann ohne das Andere nicht existieren. Daher wird jeder Versuch, den Anti-Habitus zu unterdrücken, kläglich scheitern. Jeder Versuch, einen Fetisch zu unterdrücken, wird nicht nur erfolglos bleiben, sondern das Verlangen sogar noch verstärken.

 

 

Westliche Philosophie-Geschichte & Dualismen: Fetische als "das Tier im Menschen"

 

Dualismen sind zwei gegensätzliche Kategorien und in der westlichen Philosophie, die einen riesigen Einfluss auf unsere Kultur, Wissenschaften und Religionen hat, gibt es unzählige Dualismen: Mann vs. Frau, Weiße vs. Schwarze/Farbige, heterosexuell vs. homosexuell, Gott vs. Teufel, Kultur vs. Natur, Mensch vs. Tier, Verstand vs. Gefühle, Ratio vs. Triebe, gut vs. böse, u.s.w..

 

Einer der ältesten Dualismen ist wohl der Kultur-Natur-Dualismus, der sich auch noch als Mensch-Tier-Dualismus manifestiert. "So wird Tieren beispielsweise zugeschrieben, dass sie fressen – Menschen hingegen essen; Tiere werfen und Menschen gebären; Tiere saufen, Menschen trinken“ (7). Tatsächlich werden Tiere kulturell meist als das Gegenteil von Menschen betrachtet. Naturwissenschaftlich betrachtet gehören Menschen zum Tierreich. Sie sind eine Tierart unter vielen. Wenn wir gesellschaftlich jedoch von „Tieren“ sprechen – und diese Deutung ist die dominierende – meinen wir damit Millionen von unterschiedlichen Spezien – vom Regenwurm bis zum Gorilla – grenzen den Menschen aber davon ab (8). Wobei der Gorilla mehr mit dem Menschen, als mit dem Regenwurm gemeinsam hat. "Menschen sind Tiere und gleichzeitig das Gegenteil von Tieren“ (9).

 

Dieser Mensch-Tier-Dualismus ist ein zentraler Bestandteil der Idee der Naturbeherrschung durch die (westliche) menschliche Kultur. Das Tier wird zum zentralen Symbol dieser Naturbeherrschung: "Indem das Tier als Hervorbringung eines blinden, bewußtlosen Naturprozesses betrachtet und in Kontrast zum ‚Kulturwesen Mensch‘ gestellt wird, erfolgt seine Unterwerfung, Versachlichung und industrielle Massenausbeutung“ (10).

 

Es würde hier den Rahmen sprengen, einen kompletten Abriss der Philosophie-Geschichte des Westens zu vollziehen. Der Mensch/Kultur-Tier/Natur-Dualismus findet sich jedoch bei der Mehrzahl der westlichen Philosophien, von der Antike, über das Christentum, bis hin zu Kant, Descartes und dem Zeitalter der Aufklärung. Tatsächlich hatte das Zeitalter der Aufklärung eine Verstärkung dieses Dualismus herbeigeführt. Die Menschen wurden hier als die moralischen und vernunftbegabten Wesen beschrieben, während die Tiere als instinktgeleitet und triebgesteuert angesehen wurden. Eine Idee, die bis heute fortlebt. Horkheimer bezeichnete ironischerweise diese durch die Aufklärung angestoßene, rationalisierte und industrialisierte Naturbeherrschung als "Vergewaltigung dessen, was draußen ist" (11). Im Zuge dieser Dichotomie konstruieren Menschen sich selbst in Abgrenzung zu nichtmenschlichen Tieren als höherwertig, moralisch rein, sauber, gut, nicht gewalttätig und nicht abartig (12).

 

Dabei kommt es aber nicht nur zur Kontrolle und Unterwerfung aller Tiere außerhalb des Menschen. Es kommt vor allem auch zur Kontrolle und Unterdrückung dessen, was wir dann als "das Tier im Menschen" bezeichnen: "Neben der Beherrschung der äußeren Natur sei das 'aufgeklärte Subjekt' ebenso zur Beherrschung der inneren Natur gezwungen. Die Unterjochung der inneren Natur sei dabei eine Notwendigkeit zur bürgerlichen Subjektivierung in der Moderne" (13). Wir lernen durch die Sozialisierung, uns "zivilisiert" (also nicht wie "wilde Tiere") zu benehmen, unsere Haare zu frisieren, unsere Fingernägel zu schneiden, unerwünschte Körperbehaarung weg zu rasieren, uns sauber anzuziehen, Körpergerüche zu überdecken, nicht mit den Händen, sondern mit Messer und Gabel zu essen, hinter verschlossenen Türen die Toilette zu nutzen, und vor allem den "schlimmsten Teil des Tiers im Menschen" zu kontrollieren: unsere Sexualität. Jeder Mensch "hat nicht nur an der Unterjochung der äußeren Natur (...) teilzunehmen, sondern muss, um das zu leisten, die Natur in sich selbst unterjochen. (...) Naturbeherrschung schließt Menschenbeherrschung ein" (14). 

 

"Die Idee des Menschen in der europäischen Geschichte drückt sich in der Unterscheidung vom Tier aus. Mit seiner Unvernunft beweisen sie die Menschenwürde" (15). Dabei fällt auf, dass viele unserer Fetische direkt oder indirekt mit dieser Vorstellung von Natur und "wildem Tier" zu tun haben. Erst diese Bezeichnungen machen "wilden Sex" wild. Piss-Sex, BDSM, Exhibitionismus, Fäkal-Sex, all diese Fetische haben direkt oder indirekt entweder mit natürlichen/körperlichen Prozessen zu tun, die uns an unsere eigene Natürlichkeit, an "das Tier in uns" erinnern. Oder die mit dem Verlust der Kontrolle über "das innere Tier" zu tun haben, die wir im Vorfeld so mühsam über eine verinnerlichte Sozialisierung erlernt haben. Fetische wie Pferde- oder Hundemasken, bzw. Puppy Play verdeutlichen dies, wie wohl sonst kein anderer Fetisch. Keine Tierart wurde von Menschen so gesamtgesellschaftlich domestiziert, wie Pferd und Hund.

 

BBC Dokumentation: "das Tier im Menschen – Teil 2: Auf Sex programmiert" 

 

 

Foucault: Fetische als Befreiung aus der Biomacht

 

Der französische Philosoph und Soziologe Michel Foucault ist unter anderem wegen seiner Arbeiten zu Sexualität und Macht berühmt geworden. 1984 war er die erste öffentliche Person, die in Frankreich an den Folgen von AIDS verstarb. Sein Partner Daniel Defert gründete daraufhin Frankreichs größte HIV-Organisation AIDES. Vermutlich erlaubte es Foucaults nicht-normative Sexualität ihm, Dinge zu untersuchen und zu hinterfragen, die bis dahin als selbstverständlich galten. Oft wird ihm vorgeworfen, er habe die gesellschaftliche Unterdrückung der Sexualität verneint. Dies stimmt jedoch nicht, vielmehr verortet er diese Repressionen innerhalb eines größeren Netzwerks der Macht, das mithilfe von Diskursen (oder vereinfacht "Kommunikation") "Wahrheit" über Sexualität erzeugt (16). Diese Wahrheit hat nicht unbedingt etwas mit objektiver Wahrheit zu tun, sondern bezieht sich darauf, was in einer bestimmten Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt als wahr und real gilt. Zum Beispiel gilt es in der westlichen Gesellschaft Anfang des 21. Jahrhunderts als wahr, dass Homosexualität, Heterosexualität und Bisexualität Teile der Identität eines Menschen sind. "Born this way": Sexualität ist in der westlichen Gesellschaft nicht etwas, das man macht (wie das in anderen Kulturen zum Beispiel der Fall war/ist), sondern etwas, das man ist.

 

In seinen Arbeiten zur Macht und zur Generierung von Wahrheit zeigt Foucault auf, wie der potentielle, kritische Blick der Mitmenschen uns dazu bringt, uns aus Angst, von anderen nicht akzeptiert zu werden, selbst konstant zu beobachten. Dies hat ein gesellschaftliches Klima der Angst vor Bestrafung, vor Spott und vor Ablehnung hervorgebracht, in dem sich jeder selbst überwacht (17). Wir werden dazu ermutigt, uns konstant selbst zu hinterfragen und zu beurteilen: Wir müssen uns verbessern und an uns selbst arbeiten. Und ein positives und erfolgreiches Selbstbild auf Basis dessen, was wir als "normal" zu betrachten lernen, nach außen darstellen. Foucault hat Facebook nicht mehr miterlebt. Aber selten wurde seine Theorie wohl so eindrücklich bekräftigt wie im Aufkommen der sozialen Medien.

Das Panoptikum des modernen Zeitalters – © photo by joelle L / flickr.com

 

 

Natürlich wirkt dieses Phänomen jedoch nicht nur in den sozialen Medien, sondern gesamtgesellschaftlich. Er führt dafür einen neuen Begriff ein: Die Biomacht. Foucault argumentiert, dass der Wandel hin zur Industriegesellschaft den Umstand mit sich gebracht hat, dass die Wirtschaft abhängig von den arbeitenden Menschen wurde, vor allem davon, wie viel und wie gut sie arbeiten. Dies hatte zur Folge, dass Regierungen eine mehr alltägliche Macht über die Körper der täglich arbeitenden Menschen benötigen. (Deswegen auch der Begriff der Biomacht, da "Bio" hier "Körper" bedeutet.) Nur so könne sicher gestellt werden, dass diese auch produktiv seien. Jedoch begannen Regierungen gleichzeitig auch, in wachsenden, urbanen Gesellschaften weniger direkten Kontakt zu den arbeitenden Menschen zu haben. 

 

Die Biomacht ist deswegen eine sehr diffuse Form der Macht. War Macht bisher sehr linear vom Herrschenden zum Beherrschten, so zieht sie sich nun durch die gesamte Gesellschaft wie ein Netzwerk. Gleichzeitig ist sie auch viel tiefgreifender und allgegenwärtiger, da wir nun der Überwachung aus unterschiedlichen Richtungen gleichzeitig ausgesetzt sind. "Nicht weil sie alles umfasst, sondern weil sie von überall kommt, ist die Macht überall" (18). Diese Biomacht, also das Herrschen über die Körper der Menschen, erklärt laut Foucault den aktuellen Fokus westlicher Gesellschaften auf körperliche Disziplin und den Drang, als "normal" zu gelten. Wir kontrollieren uns konstant selbst im Verhältnis zu dem, was in unserer Gesellschaft als normal gilt. Und dies gilt in Zeiten sozialer Medien umso mehr, da wir hier ständig mit den Postings des Erfolgs und der vermeintlichen Normalität unserer Freund*innen konfrontiert werden und uns an diesen messen. Das "Like" wird zur digitalen Bestätigung, dass wir akzeptiert werden.

 

Quelle Bild "Biomacht": Barker, Meg-John; Scheele Julia (2016): Queer – A Graphic History, London, S. 68 [Übersetzung von der englischen in die deutsche Sprache durch den Autor].

 

Ausschnitt aus dem offiziellen Video zu Moby & The Pacific Choir (2016): Are You Lost In The World Like Me? – © Steve Cutts

 

Diese Selbst-Überwachung mündet in einer gefügigen Gesellschaft mit einer starken Selbstverpflichtung zur Konformität. Die Wirtschaft profitiert davon, weil die Produktivität gesteigert wird. Zudem steigt auch der Verkauf von Produkten und Dienstleistungen, die auf unseren Unsicherheiten aufbauen. Aber natürlich führt dies auch zu einem enormen verinnerlichten Druck. Ähnlich wie die Doxa des Habitus ist auch die Bio-Macht der Ort der Geburt sexueller Fetische. Niemand kann diesen Druck konstant aufrechterhalten. Das kurzfristige Ausbrechen aus diesem Druck verspricht erregende Freiheit.

 

Dabei ist es von Bedeutung in welchen Bereichen die Biomacht in einer Gesellschaft greift. Dies entscheidet, welche Fetische entstehen. Der Druck der Biomacht ist so mächtig, so umfassend, so durchdringend, dass selbst ein kurzes, oberflächliches Ausbrechen aus ihr, einem ekstatischen Gefühl der Erlösung gleichkommt. Die Biomacht domestiziert den Körper des Menschen. Vor allem auch das Sexuelle, ja die Genitalien an sich müssen in der westlichen Gesellschaft versteckt und kontrolliert werden. Wie verlockend, welch erregende Befreiung bietet da wohl zum Beispiel der Fetisch des Exhibitionismus? Oder anders ausgedrückt: Wäre Exhibitionismus in einer Gesellschaft, in der keine Biomacht uns vorschreiben würde, unsere Vulvas und Penisse zu verdecken, überhaupt möglich?

 

"Der Fetisch schenkt dem Menschen eine kurze, oberflächliche Befreiung aus der allgegenwärtigen, alles umfassenden Biomacht."

 

Je stärker der Drang, "normal" sein zu müssen, desto größer das Gefühl der Befriedigung, diesen Drang wenn auch nur kurzfristig loszulassen und sich in das genaue Gegenteil fallen zu lassen. Der Fetisch schenkt dem Menschen eine kurze, oberflächliche Befreiung aus der allgegenwärtigen, alles umfassenden Biomacht. Vielleicht kann man sogar so weit gehen, zu behaupten, dass die Biomacht die Fetische benötigt, damit diese den Druck ableiten. Ohne sie, ohne diese kurzen aber intensiven Momente der Erlösung, würde der Mensch vielleicht an dieser kraftvollen Macht zusammenbrechen und sie würde sich damit selbst zerstören.

 

 

Butler: Fetische als Umdrehung der Performativität

 

Judith Butler ist eine der aktuell einflussreichsten Philosoph*innen der Moderne. Berühmt wurde sie insbesondere mit ihrem viel zitierten und kontrovers diskutierten Werk "Gender Trouble". In Butlers Werk spielt die Körpersozialisierung eine zentrale Rolle. Körpersozialisierung beschreibt den Prozess, bei dem ein Mensch über die Sozialisierung lernt, wie er seinen Körper zu bewegen, zu verdecken oder nicht zu verdecken, zu kontrollieren, zu bekleiden, u.s.w. hat. Der Mensch lernt hier die Normen zu verinnerlichen, die seinen Körper betreffen. So lernt ein Mann zum Beispiel, seinen Körper aktiver einzusetzen, teils auch subtil aggressiver aufzutreten, breitbeinig und mit geschwollener, stolzer Burst zu stehen, weil dies in unserer Kultur als männlich gilt. Eine Frau hingegen lernt, ihren Körper stärker zurückzunehmen, passiver im Auftreten zu sein, die Beine beim Sitzen übereinander zu schlagen, und eine leicht unterwürfigere Position einzunehmen.

 

Diesen Umstand im Bereich der Geschlechter bezeichnet Butler als "Performativität" (19). Durch diese konstante Körpersozialisierung – bei der die Individuen lernen, sich konstant nach dem ihnen zugeschriebenen Geschlecht zu verhalten – wird Geschlecht vielmehr etwas, das man macht (performt), als etwas, das man ist. Man stellt sein "Mann-Sein" oder "Frau-Sein" konstant immer wieder durch eine Performance her und beweist es dem Umfeld durch diese Performance. Auch dies geschieht natürlich mit einem gewissenen Druck, sich entsprechend seines zugeschriebenen Geschlechts zu verhalten. Ein Mann der weint, wird schnell als Weichling, eine Frau mit starker Persönlichkeit als herrschsüchtig stigmatisiert.

 

Quelle Bild "Performativität": Barker, Meg-John; Scheele Julia (2016): Queer – A Graphic History, London, S. 80.

 

Holly McNish (2017): Pink or Blue?

 

Butler schließt ebenfalls an die oben erwähnte Konstruktion von Dualismen an. In Verbindung mit der Körpersozialisierung spielen hier nicht nur die Dualismen Mann/Frau, sondern vor allem auch Geist/Körper und Kultur/Natur eine Rolle. So wie die menschliche Kultur die Natur kontrollieren soll, muss auch der Geist den Körper kontrollieren. Denn letzterer steht kulturell für die "profane Leere, den Sündenfall, Enttäuschung, Sünde, die warnenden Metaphern der Hölle und des ewig Weiblichen" (20). 

 

Die Etikettierung des Körpers mit dem Gegenteil von Geist, mit Gefahr und Sünde, erschafft dabei "einen Komplex von zugleich gefürchteten und gewünschten Phantasien" (21). Das, was wir lernen zu fürchten, übt gleichzeitig auch eine Faszination auf uns aus. Nichts ist verführerischer als das Verbotene, das Sanktionierte, das Tabu. Nichts ist anziehender, als sich den "Gelüsten des fleischlichen Körpers" hinzugeben. Das gilt sowohl für die Sexualität allgemein, als auch für Fetische im Speziellen.

 

Überhaupt spielen soziale Sanktionen und der Zwang, sich der Sozialisierung zu unterwerfen eine zentrale Rolle bei der Entstehung sexueller Fetische: “Die diskreten Geschlechtsidentitäten sind Teil dessen, was die Individuen in der gegenwärtigen Kultur ‘zu Menschen macht’ (humanize); wir strafen regelmäßig diejenigen, die ihre Geschlechtsidentität nicht ordnungsgemäß in Szene setzen” (22). Und wenn man aus diesem Druck ausbricht, kann das auch hier wiederum einen sexuellen Fetischcharakter annehmen. Wie zum Beispiel das Phänomen der “DWT” (Damenwäscheträger) zeigt. DWT sind Männer, die innerhalb eines sexuellen Rollenspiels Frauenunterwäsche tragen. Das Männliche wurde historisch gesehen lange als das "bessere, stärkere Geschlecht" beschrieben. Es steht kulturell über dem Weiblichen. Es übt Kontrolle aus. Es herrscht. Deswegen ist die potentielle sexuelle Befriedigung umso größer, sich kurzfristig in das Gegenteil "hinunterfallen" zu lassen und Teile des "Weiblichen" zu übernehmen. Es ist nicht nur die Kontrolle und die Herrschaft abzugeben, und kurzfristig behandelt zu werden, wie unsere Kultur Frauen behandelt. Es ist vor allem das sich auf dieses gegenteilige "Niveau" Herabfallen Lassen, und damit auch alle Hemmungen abzustreifen, das manchen Männern manchmal wohl wie eine sexuell erregende Segnung vorkommt.

 

Tatsächlich spielt die Einnahme einer mit “weiblichen” Attributen versehenen Rolle nicht selten eine zentrale Schlüsselposition beim Sexualverhalten vieler Männer, die Sex mit Männern haben, und die gerne gefickt werden. Das zeigt alleine schon der Sprachgebrauch, bei dem während dem Sex zur Luststeigerung manche dieser Männer gerne als “Schlampen”, “Frauen”, “Weiber”, “Huren”, “Besitz”, u.s.w. und deren Ärsche oft als “Fotzen”, “Mösen”, u.s.w. bezeichnet werden. Ein Umstand, der Butlers folgende Aussage noch einmal in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt: “Die Reproduktion heterosexueller Konstrukte in nicht-heterosexuellen Zusammenhängen hebt den durch und durch konstruierten Status des sogenannten heterosexuellen ‘Originals’ hervor” (23). Man kann zurecht von einem Fetisch sprechen, wenn sexuelle Erregung dadurch entsteht, das Männliche in das Weibliche umzudeuten, das vom Männlichen wiederum aktiv-penetrierend “durchgefickt” wird. Ähnliches gilt zum Beispiel auch für Domina-Sklave-Beziehungen. Die Performativität der Geschlechter wird ins Gegenteil umgekehrt. Der Fetisch ist die umgedrehte Performativität, eine umgedrehte Geschlechts-Performance.

 

© Bild Damenwäscheträger: Dukas

 

 

Rubin: Die Sex-Hierarchie und Fetische als Ausbrechen aus dem "Charmed Circle"

 

Mit "Thinking Sex" hat die Anthropologin Gayle Rubin einen der einflussreichsten sexualwissenschaftlichen Essays der letzten Jahrzehnte geschrieben. Hauptbestandteil ihrer Theorie ist die Sex-Hierarchie. Diese teilt sich in einen inneren "guten" Kreis an gesellschaftlich abgesegneten Sexualpraktiken (den sogenannten "Charmed Circle"), und einen äußeren "schlechten" Rand an gesellschaftlich stigmatisierten Sexualpraktiken ein (24).

Die Sex-Hierarchie nach Gayle Rubin [eigene Darstellung und eigene deutsche Übersetzung]; vgl. Rubin, Gayle (1992): Thinking Sex – Notes for a Radical Theory of the Politics of Sexuality, https://www.ipce.info/library_3/pdf/rubin_thinking_sex.pdf, S. 13.

 

Fetische existieren natürlich nicht im Charmed Circle, im "guten" inneren Kreis. Fetische entstehen dort, wo eine Gesellschaft etwas als Tabu, als "schlecht", "gefährlich", "böse", "pervers", "krank", u.s.w. bezeichnet. Eigentlich wird jeder soziale Fetisch immer von einer Gesellschaft direkt oder indirekt mit solchen negativen Eigenschaften behaftet. Und es ist meine Ansicht, dass gerade dies das Potential sexueller Erregung des Fetischs verstärkt. Ja sogar den Fetisch ursprünglich erschafft. Dadurch dass eine Gesellschaft solche "schlechten", äußeren Grenzen der erlaubten Sexualität erzeugt, konstruiert sie gleichzeitig die Fetische. Oder zumindest die Bedingung, damit solche Fetische entstehen können. 

 

"Wilden" Sex außerhalb einer Ehe oder Beziehung zu haben ist (u.a. aber nicht nur) deshalb so erregend, weil die Gesellschaft es mit zügelloser Lust etikettiert. Die Idee, mit vielen verschiedenen Menschen oder in einer Gruppe Sex zu haben, ist für manche deswegen so anziehend, weil es kulturell als "primitives" Verhalten stigmatisiert wird. In einer Gesellschaft, in der Sex-Arbeit verpönt ist, finden natürlich manche die Idee erregend, jemanden für Sex zu bezahlen. Der Mommy- bzw. Daddy-Fetisch kann ebenfalls nur in einer Gesellschaft existieren, in der generationen-übergreifender Sex mit Tabus behaftet ist. Exhibitionismus und Sex an öffentlichen Orten kann nur in einer Kultur einen besonderen Reiz auslösen, in der die Sexualität ins private Zuhause verbannt wurde. (Das heißt nicht, dass es in Kulturen, in denen Sexualität nicht auf das Zuhause beschränkt ist, keinen öffentlichen Sex geben würde. Aber er würde keinen Fetisch-Charakter besitzen. D.h. allein die Idee des Sex im Öffentlichen würde keine Erregung erzeugen.) Sich beim Sex zu filmen erregt manche auch deshalb, weil es mit Attributen wie "Gefahr" versehen ist. Und ja, vielleicht könnte man sogar so weit gehen, zu behaupten, dass gleichgeschlechtlicher Sex durch das Tabu dessen noch einmal ein zusätzliches Erregungspotential erhält. Die vielen Cruising-Orte der Male Gay Community üben auf viele auch deswegen so eine Faszination aus, weil man dort auf das "Verbotene" stoßen kann.

 

"Exhibitionismus kann nur in einer Kultur einen Reiz auslösen, in der die Sexualität ins Private verbannt wurde."

 

Diese Überlegungen offenbaren eigentlich etwas sehr Ironisches: Fetische entstehen und werden verstärkt nur deshalb, weil sie im Vorfeld mit Tabus oder anderen negativen Eigenschaften behaftet wurden. Anders ausgedrückt: Eine Gesellschaft erschafft immer ihre eigenen Fetische. Jeder Versuch, etwas im Sexuellen zu unterdrücken mündet unausweichlich in der Verstärkung dessen. Dies hebt den durch und durch konstruierten Charakter menschlicher Sexualität hervor.

 

 

Wie Fetische entstehen am Beispiel des Pup Play: Eine Soziologie sexueller Fetische

 

Sexualität ist in der westlichen Kultur mit zahlreichen Symbolen verbunden. Mit Sehnsucht und mit Furcht, mit Tabus und mit Phantasien, mit Lust und mit Gier, mit Körperlichkeit, mit Primitivität, mit Schrecken, mit dem Abgrund der Seele, mit Verbotenem, mit dem Bösen, mit Dunkelheit, mit dem Tier im Menschen, mit Sucht, mit Versuchung, mit Schwäche, mit Gefahr, mit Perversion, mit Krankheit, mit Wildheit, mit Instinkten und mit Trieben, um nur einige zu nennen. All diese Symbolik erschafft – um es mit Butler zu sagen – diesen "Komplex von zugleich gefürchteten und gewünschten Phantasien." Von dem Verbotenem, das uns doch so sehr anzieht. Von der Gefahr, die uns erregt, uns lebendig fühlen lässt. Von dieser Versuchung der Dunkelheit, die unser Herz schneller schlagen lässt, teils aus Angst, teils aus Erregung. Von diesem Druck, dauernd einem Bild von "Normalität" zu entsprechen. Und die kurze Befreiung davon, wenn wir uns einfach mal fallen lassen.

 

Ausschnitt aus dem Songtext "Stärker als wir sind" aus dem Musical "Tanz der Vampire."

 

Doch wie fügen sich die obigen Theorien nun zu einem Gesamtbild zusammen? Nehmen wir hierfür das Beispiel des Pup Play. Pup Play ist ein Rollenspiel aus der Fetisch-Szene, bei dem ein*e Partner*in in die Rolle eines Hundes ("Pup") schlüpft, während ein*e andere*r die Rolle des Herrchen oder Frauchen (hier kurz "Handler" genannt) übernimmt. Es gibt herrische, leicht autoritäre und eher passive Handler. Und auch unter den Pups gibt es eher unterwürfigere oder dominantere ("Alphas") Typen. Ich glaube, dass sich Pup Play hervorragend als Beispiel für meine Theorie der Soziologie der Fetische eignet, da es offensichtlicher und somit leichter erklärbar ist. Aber natürlich gilt dies auch für die meisten anderen sozialen, sexuellen Fetische, wie bereits an anderen Beispielen, wie Exhibitionismus, Piss Play, Sex an öffentlichten Orten, oder Damenwäscheträgern dargelegt.

 

Pups auf dem Folsom Europe 2017 in Berlin, dem größten europäischen Fetisch-Festival. © GIF by Jeff Mannes / orgysmic.com

 

Die meisten Philosophien, Religionen und Wissenschaften der westlichen Gesellschaft basieren seit Jahrhunderten auf mehreren gegensätzlichen Kategorien, wo eine der anderen übergeordnet ist. Beispiele für diese Dualismen sind:

  • Mann vs. Frau

  • weiß vs. schwarz

  • heterosexuell vs. homosexuell

  • Kultur vs. Natur

  • Mensch vs. Tier

  • Geist vs. Körper

  • Verstand vs. Gefühle

  • Vernunft vs. Triebe/Instinkte

  • zivilisiert vs. wild

  • gut vs. schlecht/böse

  • gesund vs. krank

  • Gott vs. Teufel

  • sowie (teils historisch neu) sämtliche Dualismen der Sex-Hierarchie

 

Die meisten sozialen Fetische lassen sich über zumindest einen gesellschaftlichen Dualismus erklären. Für unser Beispiel hier sind aber vor allem folgende Dualismen von Bedeutung: Kultur vs. Natur, Mensch vs. Tier, Geist vs. Körper/Sexualität und Vernunft vs. Triebe. Es handelt sich dabei um historisch sehr alte Dualismen, die seit Tausenden von Generationen Philosophie und Wissenschaft prägen, sowie unser Denken und Handeln unbewusst beeinflussen.

 

Biologisch gesehen, sind wir eine Tierart unter vielen. Aber kulturell gesehen, haben wir Menschen uns als das Gegenteil von den Tieren definiert. Ein Tier ist jedes Lebewesen vom Schimpansen zur Ameise, aber den Menschen ausgenommen. Wobei der Schimpanse mehr mit dem Menschen gemeinsam hat, als mit der Ameise. Und es ist diese kulturelle – nicht die biologische – Tierdefinition, die unser Denken so beeinflusst. Wenn wir vom Tier reden, reden wir nicht vom Menschen. 

 

Die Dualismen haben sich historisch ebenfalls miteinander verbunden: Der Mensch gehört zur Kultur, das Tier zur Natur. Der (weiße, männliche, heterosexuelle) Mensch ist Teil der geistlichen und körperlichen Welt, das Tier ist auf das Körperliche beschränkt. Der Mensch verfügt über Vernunft, das Tier ist triebgeleitet, u.s.w.. Kurz: Kultur = Mensch = Geist = Vernunft und Natur = Tier = Körper = Trieb.

 

Darüber hinaus wurde die Bestimmung des Menschen und der menschlichen Kultur darin gesehen, die Natur und alles was dazu gehört (also auch Tiere und Körper/Sexualität) zu kontrollieren und teils zu unterwerfen. So gilt es für den Menschen "als eines der größten Tabus, in den Tierstatus zurückzufallen, nachdem [er] sich unter größten Anstrengungen aus dem Zustand der totalen Naturverfallenheit 'befreit' hat" (25). Dies besteht bis heute - wenn auch abgeschwächt - fort. Zum Beispiel wenn wir mit moralischer Entrüstung aufschreien, dass jemand rumfickt wie ein wildes Tier. (Und damit entsprechend der Sex-Hierarchie nicht monogam, sondern promisk lebt.) Oder wenn wir Menschen mit HIV der eigenen Schuld bezichtigen, weil sie ihre Triebe nicht unter Kontrolle gehabt hätten. Das Sexuelle wurde philosophisch und religiös immer nicht nur mit reiner Körperlichkeit, sondern auch mit dem Tierischen verbunden, mit Dunkelheit, der Nacht, dem Abgrund, dem Bösen, der Gier, der Unvernunft, dem Trieb, der verbotenen Lust. Auch in nicht-religiösen Kontexten finden sich diese Denkmuster wieder. Und in der Wissenschaft wurde das Sexuelle lange Zeit pathologisiert. Viele Formen der Sexualität wurden oder werden auch heute noch von den Naturwissenschaften und der Psychologie als krankhaft oder unterentwickelt eingestuft, oder von den Rechtswissenschaften als illegal. Weibliche Sexualität, oder auch die aus der Sex-Hierarchie stammenden Formen der Sexualität wie Homosexualität, Masturbation, und nicht-reproduktive Sexualität mit Lust sind nur einige der Beispiele dafür.

 

All diese Dualismen (zu denen auch die Performativität der Geschlechter nach Butler gehört) schreiben sich durch die Sozialisierung in unser Unterbewusstsein ein. Innerhalb der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit sind sie ein gesellschaftliches Produkt. Sie haben viel weniger mit der wahren Natürlichkeit zu tun, als vielmehr damit, wie wir dies gesellschaftlich wahrnehmen und klassifizieren. Der Mensch als das Gegenteil des Tiers ist kein Gesetz der Natur, sondern ein vom Menschen geschaffenes Konstrukt. Wir erinnern uns an den Prozess der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit: Externalisierung, Objektivierung, Internalisierung. Der Mensch erschafft (externalisiert) das Konstrukt des Menschen als Gegenteil vom Tier (sowie der Kultur als Gegenteil der Natur, des Männlichen als Gegenteil vom Weiblichen, des Geists als Gegenteil vom Körper, und der Vernunft als Gegenteil und Kontrollinstanz der Triebe). Mit dieser Konstruktion & Externalisierung "Mensch/Kultur vs. Tier/Natur" hat er zugleich auch den ersten Schritt hin zum Pup Play Fetisch erschaffen. Ohne diese Gegenüberstellung Mensch vs. Tier und dem Glauben, dass ein Mensch das Gegenteil vom Tier sei, kann ein Mensch sich auch nicht innerhalb eines Fetischs in die vermeintlich gegensätzliche Rolle des Tiers versetzen. Anschließend kommt es zur Objektivierung: Der Glaube, dass der Mensch das Gegenteil vom Tier ist, wird zur allgemeingültigen, gesellschaftlichen "Wahrheit". Selbst wenn dies wenig mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu tun hat: Es wird dennoch eine unsichtbare Selbstverständlichkeit, ein Gesetz, das nicht mehr in Frage gestellt wird. Und das auch – und dies ist hier ausschlaggebend – äußeren Druck auf die Menschen ausübt, sich diesem Glauben zu fügen. Dadurch kommt es zur Internalisierung (also Verinnerlichung) des Glaubens, dass der Mensch das Gegenteil vom Tier sei. Der Glaube schreibt sich in das Unterbewusstsein eines jeden Menschen innerhalb seiner Sozialisierung ein. Aus dem äußeren Druck wird ein innerer Druck. Der Mensch kontrolliert von nun an sich unbewusst selbst, um diesem Glauben entsprechend zu handeln und zu denken.

 

Mit dem Glauben an den Mensch/Kultur-Tier/Natur-Dualismus kommt auch die Kontrolle, Domestizierung und Unterwerfung des Tiers und der Natur (und damit des Körpers, der Triebe, der Sexualität) durch die menschliche Kultur (sowie den Geist und die Vernunft): Das Tier wird dressiert, unterworfen und eingesperrt, im Zirkus, im Zoo, in der Massentierhaltung. Aber auch Haustiere werden mit einer milderen, sanfteren Form der Kontrolle domestiziert. Die Natur wird zurechtgestutzt, Bäume werden geschnitten, so dass sie kultiviert und schön aussehen, Hecken werden gestutzt, Blumenbeete angelegt, Parkanlagen symmetrisch designt. Alles wird so kontrolliert dass es den Vorstellungen der menschlichen Kultur entspricht. 

 

Aber nicht nur die äußere, sondern auch die innere Natur, das vermeintliche "Tier im Menschen" und alles, was ihn an seine "Natürlichkeit" erinnert, wird kontrolliert, unterworfen, unterdrückt: Finger- und Fußnägel werden geschnitten, Haare werden frisiert und gestylt, Körper und vor allem Genitalien werden verdeckt und versteckt, Haut wird geschminkt, Körperbehaarung wird entfernt, Krankheit tabuisiert, Urin und Stuhlgang versteckt "entsorgt", Sex ins Private verbannt. Das Innere soll von dem rein gehalten werden, was im Äußeren bereits unter Kontrolle gebracht wurde: Uns wird gesagt, tu dies nicht, tu das nicht, iss kultiviert mit Besteck und nicht mit den Händen, rülpse nicht, sei kein wildes Tier, benimm dich, reiß dich zusammen, denk nicht mit deinen Genitalien, u.s.w.. All dies wird im Zuge der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit verinnerlicht.

 

Diese Verinnerlichung erfolgt maßgeblich auch durch die Biomacht. Generell und vielleicht etwas plakativ ausgedrückt domestiziert die westliche Gesellschaft den Menschen durch die Biomacht so, wie der Mensch andere Tiere domestiziert hat. Der Mensch lernt nicht nur, die äußeren Natur und Tiere zu kontrollieren, zu domestizieren und zu unterwerfen, sondern auch seine innere Natur. Damit der Glaube des Menschen als Gegensatz des Tiers trotz seiner Biologie bestehen kann, muss der westliche Mensch so domestiziert werden, alles zu verstecken, was ihn an eben jenes Tier, an seine Natur noch erinnern kann. Die Biomacht hat dem Menschen das "innere Tier" weg-domestiziert.

 

Der von Foucault beschriebene potentielle, kritische Blick der Mitmenschen, spielt eine maßgebliche Rolle bei der Verinnerlichung der Dualismen, also auch des Glaubens des Mensch/Kultur-Tier/Natur-Gegensatzes. Aus Angst vor Bestrafung, Spott und Ablehnung fängt jeder Mensch an, sich selbst zu überwachen und sein eigenes "inneres Tier" und alles, was diesem zugeschrieben wird, zu kontrollieren. Da die Biomacht so allgegenwärtig und tiefgreifend ist, bestärkt sie den Druck, in den Augen anderer als "normal" gelten zu wollen. Und "normal" heißt hier, sich so zu verhalten, dass man all diesen beschriebenen Anforderungen der Kontrolle der inneren und äußeren Natur entspricht. Auf keinen Fall darf man sich "wie ein Tier" verhalten.

 

Die Biomacht schreibt dies daraufhin im Habitus eines jeden Menschen ein. Diese Verhaltensweisen, diese Denk- und Handlungsmuster basierend auf der Weltsicht des Mensch/Kultur-Tier/Natur-Dualismus werden dann zu einer "zweiten Natur", zum Habitus des westlich sozialisierten Menschen. Ich habe bereits beschrieben, wie durch die Objektivierung in der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit der Glaube an den Mensch-Tier-Gegensatz zu einer gesellschaftlich erschaffenen "Wahrheit" wird. Es ist diese Wahrheit, dieses "Natürliche" und dieses Selbstverständliche, das zur Doxa, also zu diesen Grundüberzeugungen und Werten der Kontrolle der Natur durch die menschliche Kultur wird. Diese bei der Verinnerlichung durch die Biomacht tief in unser Unterbewusstsein eingeschriebene Doxa leitet dann das Natur- und Tier-kontrollierende Denken, Sehen und Handeln.

 

Dies führt unweigerlich zu einem enormen inneren Druck. Der Mensch kann diese inneren Spannungen zwischen dem, was er ist, und dem, was er sein soll, nicht dauernd kontrollieren. Diese Spannungen haben deswegen das Potential sich in der Sexualität durch Erregung zu entladen, indem man sich genau in das hineinfallen lässt, was man ja doch eigentlich komplett vermeiden soll. Anders gesagt: es törnt uns an, das zuzulassen was wir dauernd unterdrücken sollen. Das Verbotene, die Gefahr, das Tabu entwickelt dadurch, dass es ein Tabu ist gleichzeitig ein unglaublich starkes Erregungspotential. Dadurch, dass der Mensch sein "inneres Tier" dauernd kontrollieren muss, kann es für ihn eine unglaubliche Erregung bedeuten, das Verbotene zuzulassen, sich fallen zu lassen, und "zu einem Tier zu werden." Der Pup Play Fetisch ist geboren.

 

Doch warum ausgerechnet Hunde, und nicht andere Tierarten? Selbstverständlich gibt es auch ähnliche Fetische mit anderen Tierarten, wie zum Beispiel Katzen, Pferde, Schweine, Füchse, u.s.w. Aber keine Tierart scheint sich für diesen Pet Play Fetisch besser zu eignen, als der Hund. Denn es ist gerade dieses Tier, das durch den Menschen im Alltag eines jeden Menschen sichtbar am meisten domestiziert wurde. 

 

"Hunde nimmt man ja auch an die Leine. Also man kann natürlich jedes andere Tier auch an die Leine nehmen. Aber beim Hund ist es halt am natürlichsten. Und vor allem auch das Dressieren, (...) das verbindet man halt – also für mich – verbinde ich das viel mehr mit dem Hund. (...) Katzen... ja ich weiß nicht, für mich ist jedes andere Tier nicht so interessant (...) [wie ein Hund], der wirklich treu-doof seinem Herrchen folgt. (...) Für mich ist es das Schöne auch Puppy zu sein, zwischen den Beinen eines Herrchens zu sitzen. Und da auch länger zu bleiben und nichts zu tun. Was meiner Ansicht nach auch vor allem weder Katzen wirklich machen (...). Katzen werden eher egomanisch angesehen."
- Pup, männlich, 36 Jahre alt

 

Die Domestizierung des Tiers zeigt sich viel stärker am unterwürfigen Hund, als an der weniger auf den Menschen bezogenen Katze. Schweine, Kühe, u.s.w. werden zwar auch gesellschaftlich milliardenfach unterdrückt, deren Unterwerfung ist zum Beispiel in der Massentierhaltung noch viel stärker als die vergleichsweise sanfte Domestizierung des Hundes. Allerdings geschieht dies in fensterlosen Gebäuden, zu denen die meisten Menschen keinen Zugang haben. Ihre Unterdrückung ist stärker, aber unsichtbar. Was bleibt, ist die sichtbarste Form der Domestizierung des Tiers: der Hund. 

 

Die Popularität des Hundes für den Pet Play Fetisch liegt an der gesellschaftlichen Sichtbarkeit seiner offenen Domestizierung. Was nicht bedeutet, dass die Domestizierung oder Unterdrückung anderer Tierarten für manche Menschen mit unterschiedlichen Lebensläufen, Erfahrungen, Kindheiten und Prägungen nicht auch sichtbar sein kann. Und sich somit potentiell auch andere Tierarten für den Pet Play Fetisch eignen würden (was sie auch tun). Im Bereich der Kontrolle und Unterwerfung der Natur und des (inneren und äußeren) Tiers, des Triebs, des Wilden, der Gefahr durch den Menschen, durch seine Vernunft, seine Kultur und seine Zivilisation bleibt der Hund aber das Symboltier schlechthin. Der Hund bietet das größte Potential der sexuellen Aufladung durch die inneren Spannungen, die den Menschen gefangen nehmen. Der Ausbruch daraus, indem er in die Rolle eines Hundes schlüpft, bietet dadurch ein unglaublich starkes Befreiungspotential. Das kann so stark sein, dass es sich mit sexueller Erregung verbinden kann.

 

Wir sind konstant umgeben von einer ständigen, tiefgehenden, allgegenwärtigen, alles umfassenden Kontrolle der äußeren und inneren Natur. Die Biomacht verinnerlicht die Doxa der Naturkontrolle in unserem Unterbewusstsein, so dass auch wir uns selbst und das "Tier in uns" ständig und tiefgehend kontrollieren. Auch wenn dieser Druck meist komplett unbewusst wirkt, so ist er dennoch da. Und er liegt auf uns wie ein drückender Schatten. Welch Befreiung, welch Erlösung es doch bietet, sich daraus einmal kurz zu befreien. Sich endlich einmal komplett fallen zu lassen. All dies, was wir kontrollieren und unterdrücken, einmal hemmungslos rauszulassen... Wie befreiend es für das lange fest zusammengeschnürte Haar ist, wenn man es aus dem Gummiband befreit und es verführerisch fallen lässt. So befreiend und erregend ist es für einen konstant das innere Tier kontrollierenden Menschen, wenn er das "Tier im Menschen" einfach einmal rauslassen kann.

 

So entsteht der Anti-Habitus. Der Druck durch die Biomacht und die verinnerlichte Doxa muss abgeleitet werden. Die Doxa erschafft deswegen einerseits den Habitus der Natur-, Tier-, Körper-, und Trieb-Kontrolle. Andererseits braucht sie durch die dadurch entstehenden Spannungen aber auch eine Ableitungsfunktion: den Anti-Habitus. Der Fetisch übernimmt diese Rolle. Ich möchte es deswegen gerne noch einmal wiederholen: Der Anti-Habitus (hier: sich in die Rolle des Tiers zu begeben) ist das Gegenteil des Habitus (hier: die Kontrolle des "inneren" Tiers). "Das Gegenteil (Anti-Habitus) zu tun, von dem was wir gelernt haben, zu tun (Habitus), macht uns geil. Der Anti-Habitus ist das unausweichliche Mitbringsel des Habitus. Er ist der Schatten dessen. Je stärker der Druck des Habitus, desto größer auch die Befriedigung durch den Anti-Habitus, den Fetisch. Habitus und Anti-Habitus sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Das Eine kann ohne das Andere nicht existieren. Daher wird jeder Versuch, den Anti-Habitus zu unterdrücken, kläglich scheitern. Jeder Versuch, einen Fetisch zu unterdrücken, wird nicht nur erfolglos bleiben, sondern das Verlangen sogar noch verstärken."

 

Dabei bleibt es weiterhin unerheblich, ob der Mensch-Tier-Dualismus und das Tier im Menschen einer naturwissenschaftlichen Realität entspricht oder es ein soziales Konstrukt ist. Frei nach dem soziologischen Thomas-Theorem (26), das besagt, dass jedes menschliche Handeln reale Konsequenzen zur Folge hat, ganz gleich wie irreal die Situationsdefinition war, die zu der entsprechenden Handlung geführt hat:

 

„Wenn die Menschen Situationen als real definieren, sind sie in ihren Konsequenzen real."

 

Das Tier im Menschen, diese ganzen Dualismen sind nicht real existierende, soziale Konstrukte. Aber dadurch dass sie von Menschen als real empfunden werden, ist die Konsequenz der inneren Spannungen real. Und dadurch auch die Fetische, die daraus entstehen.

 

Die Gesellschaft erschafft den Fetisch also als "Nebenprodukt" der Sozialisierung "versehentlich" selbst. Sie erschafft ihn, indem sie versucht, ihn zu unterdrücken. Je mehr sie versucht, ihn zu unterdrücken, desto stärker wird er. Je mehr wir dieses Tier in uns kontrollieren sollen, desto erregender ist es, in die Rolle des Tiers zu schlüpfen. 

 

"Der sexuelle Fetisch ist ein revolutionärer Akt, ein Aufbäumen gegen gesellschaftliche Machtverhältnisse."

 

Einen Fetisch kann man also nicht unterdrücken. Er ist das Resultat einer Unterdrückung. Im Grunde ist er damit ungewollt ein revolutionärer Akt, ein Aufbäumen gegen gesellschaftliche Machtverhältnisse. Und hat das Potential, diese ins Wanken zu bringen. 

 

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Über den Autor: Jeff Mannes hat Soziologie und Geschlechterforschung mit Fokus auf Mensch-Tier-Verhältnis, Queer Theory und Sexualität studiert. Er hat mehrere Jahre für eine sozialpsychologische NGO im Bereich der sozialen Gerechtigkeit gearbeitet und ist seit vielen Jahren in mehreren NGOs ehrenamtlich tätig. Jeff Mannes hat für mehrere Presseorgane in Deutschland und Luxemburg Artikel verfasst und hält international Vorträge über Sexualität auf deutsch, englisch und französisch. In Berlin bietet er außerdem eine Guided Tour zur Geschichte der Sexualität und Sexualwissenschaft in Berlin an.

 

 

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(1) Vgl. Berger, Peter L. (1988): Zur Dialektik von Religion und Gesellschaft – Elemente einer soziologischen Theorie, Frankfurt am Main.

 

(2) Vgl. Berger, Peter L.; Luckmann, Thomas (2003): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit – Eine Theorie der Wissenssoziologie, 19. Aufl., Frankfurt am Main.

 

(3) Vgl. Bourdieu, Pierre (2014): Die feinen Unterschiede – Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, 24. Aufl., Frankfurt am Main.

 

(4) Vgl. Bourdieu, Pierre (2015): Entwurf einer Theorie der Praxis, 4. Aufl., Frankfurt am Main.

 

(5) Münch, Richard (2004): Gesellschaftstheorie (= Soziologische Theorie Band 3), Frankfurt am Main, S. 422.

 

(6) Bourdieu, Pierre (2015): Entwurf einer Theorie der Praxis, 4. Aufl., Frankfurt am Main, S. 200.

 

(7) Buschka, Sonja; Rouamba, Jasmine (2013): Hirnloser Affe? Blöder Hund? – ‚Geist‘ als sozial konstruiertes Unterscheidungsmerkmal, S. 25, in: Buschka, Sonja; Pfau-Effinger, Birgit (Hrsg.): Gesellschaft und Tiere – Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis, Wiesbaden, S. 23-56.

 

(8) Vgl. Mütherich, Birgit (2015): Die soziale Konstruktion des Anderen – Zur soziologischen Frage nach dem Tier, S. 50, in: Brucker, Renate et al. (Hrsg.): Das Mensch-Tier-Verhältnis – Eine sozialwissenschaftliche Einführung, Wiesbaden, S. 49-78.

 

(9) Mütherich, Birgit (2003): Das Fremde und das Eigene – Gesellschaftspolitische Aspekte der Mensch-Tier-Beziehung, S. 18, in: Brenner, Andreas (Hrsg.): Tiere beschreiben, Erlangen, S.16-42.

 

(10) Mütherich, Birgit (2003): Das Fremde und das Eigene – Gesellschaftspolitische Aspekte der Mensch-Tier-Beziehung, S. 17, in: Brenner, Andreas (Hrsg.): Tiere beschreiben, Erlangen, S.16-42.

 

(11) Horkheimer, Max (1959): Erinnerung, S. 7, in: Organ des Bundes gegen den Missbrauch der Tiere e.V.: Das Recht der Tiere, Starnberg, Heft 1/2, S. 7.

 

(12) Vgl. Buschka, Sonja; Rouamba, Jasmine (2013): Hirnloser Affe? Blöder Hund? – ‚Geist‘ als sozial konstruiertes Unterscheidungsmerkmal, S. 25, in: Buschka, Sonja; Pfau-Effinger, Birgit (Hrsg.): Gesellschaft und Tiere – Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis, Wiesbaden, S. 23-56.

 

(13) Sebastian, Marcel; Gutjahr, Julia (2013): Das Mensch-Tier-Verhältnis in der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, S. 102f, in: Buschka, Sonja; Pfau-Effinger, Birgit (Hrsg.): Gesellschaft und Tiere – Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis, Wiesbaden, S. 97-119.

 

(14) Horkheimer, Max (1991): Die Revolte der Natur, S. 106, in: Horkheimer, Max: Gesammelte Schriften Band 6: 'Zur Kritik der instrumentellen Vernunft' und 'Notizen 1949-1969', Frankfurt am Main, S. 105-135.

 

(15) Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. (2004): Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente, Frankfurt am Main, S. 262.

 

(16) Vgl. Foucault, Michel (2017): Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit I, 21. Aufl., Frankfurt am Main, S. 17ff.

 

(17) Vgl. Barker, Meg-John; Scheele, Julia (2016): Queer – A Graphic History, London, S. 66ff.

 

(18) Foucault, Michel (2017): Der Wille zum Wissen – Sexualität und Wahrheit I, 21. Aufl., Frankfurt am Main, S. 94.

 

(19) Vgl. Butler, Judith (2014); Das Unbehagen der Geschlechter, 17. Aufl., Frankfurt am Main, S. 200.

 

(20) Butler, Judith (2014); Das Unbehagen der Geschlechter, 17. Aufl., Frankfurt am Main, S. 191.

 

(21) Butler, Judith (2014); Das Unbehagen der Geschlechter, 17. Aufl., Frankfurt am Main, S. 197.

 

(22) Butler, Judith (2014); Das Unbehagen der Geschlechter, 17. Aufl., Frankfurt am Main, S. 205.

 

(23) Butler, Judith (2014); Das Unbehagen der Geschlechter, 17. Aufl., Frankfurt am Main, S. 58.

 

(24) Rubin, Gayle (1992): Thinking Sex – Notes for a Radical Theory of the Politics of Sexuality, https://www.ipce.info/library_3/pdf/rubin_thinking_sex.pdf, S. 13.

 

(25) Sebastian, Marcel; Gutjahr, Julia (2013): Das Mensch-Tier-Verhältnis in der kritischen Theorie der Frankfurter Schule, S. 105, in: Buschka, Sonja; Pfau-Effinger, Birgit (Hrsg.): Gesellschaft und Tiere – Soziologische Analysen zu einem ambivalenten Verhältnis, Wiesbaden, S. 97-119.

 

(26) Vgl. Thomas, William Isaac (1928): The Methodology of Behavior Study, in: Knopf, Alfred: The Child in America – Behavior Problems and Programs, New York, S. 553–576.

 

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