The Sex Blog. We bring you the sociology and psychology of sex in a daring, erotic, thought-provoking, sexy, forbidden and easy to understand way.

Orgysmic
Tags

© 2018 by Orgysmic. Artworks by Juliusz Lewandowski.

Der Sexblog. Soziologische und psychologische Analysen der Sexualitäten. Gewagt, erotisch, sexy, provozierend und leicht verständlich.

Ist Sarah Wagenknecht homophob?

June 28, 2018

Vor wenigen Tagen schrieb die Fraktionschefin der Linken, Sarah Wagenknecht, einen Gastbeitrag für die Welt, in der sie in ihrer Kritik am Neoliberalismus auch die Homo-Ehe erwähnt. Seitdem werfen viele LGBTIQs (und vor allem Weiße, zis-männliche Schwule) ihr Homophobie vor. Doch stimmt das?

 

 © Die Linke, flickr.com

In dem Gastbeitrag schreibt Wagenknecht folgendes: 

 

"Die einstigen Volksparteien (...) stehen für eine Globalisierung nach dem Gusto transnationaler Großunternehmen (...). Sie alle predigen die vermeintliche Unfähigkeit des Nationalstaats, seine Bürger vor Dumpingkonkurrenz und dem Renditedruck internationaler Finanzinvestoren zu schützen. (...) Und sie alle haben diesem Uralt-Liberalismus, der aus der Zeit vor der Entstehung moderner Sozialstaaten stammt, die glitzernde Hülle linksliberaler Werte übergestreift, um ihm ein Image von Modernität, ja moralischer Integrität zu geben. Weltoffenheit, Antirassismus und Minderheitenschutz sind das Wohlfühl-Label, um rüde Umverteilung von unten nach oben zu kaschieren und ihren Nutznießern ein gutes Gewissen zu bereiten. Und es widerspricht sich ja nicht: Ehe für alle und sozialer Aufstieg für wenige, Frauenquote in Aufsichtsräten und Niedriglöhne dort, wo vor allem Frauen arbeiten, staatlich bezahlte Antidiskriminierungsbeauftragte und staatlich verursachte Zunahme von Kinderarmut in Einwandererfamilien. Im Ergebnis dieses Policy Mix wurden einerseits die Rechte vormals ausgegrenzter und diskriminierter Minderheiten real gestärkt, andererseits wächst die Ungleichheit und schmilzt der Wohlstand der Mitte."

 

Ich arbeite dieses Jahr an einem Essay über die Frage, ob die "Homo-Ehe" Heteronormativität herausfordert oder bekräftigt, weswegen ich mich auch viel mit Sozial- und anderen Wissenschaftler*innen beschäftige, die zu Themen wie Homonormativität, Verschränkungen mit Neoliberalismus und Weiß-zis-männlichen Privilegien geforscht und geschrieben haben. Alles Wissenschaftler*innen, die viel für Befreiungskämpfe von auch LGBTIQs gemacht haben. 

 

Tatsächlich zeigen Studien, dass die Homo-Ehe neben rechtlichen Vorteilen auch nachgewiesene positive psychologische Effekte hat. Nicht nur das Ausüben des Rechts auf Heirat, sondern alleine schon das Vorhandensein dieses Rechts hat direkte positive Auswirkungen auf das Gefühl sozialer Integration von gleichgeschlechtlichen Paaren. Allerdings ist dieses Gefühl am stärksten bei Weißen, (zis-)männlichen Studienteilnehmern mit relativ hohem Einkommen (1). Dies hängt vermutlich damit zusammen, dass Weißen, homosexuellen Zis-Männern aus der oberen Mittelschicht oder Oberschicht nur ein Baustein fehlt für die komplette Integration in der Gesellschaft. Dies ist bei Queers of Color, Trans*-Menschen, Zis-Frauen, intergeschlechtlichen Menschen und LGBTIQs aus der unteren Mittelschicht und Unterschicht nicht der Fall. Die Homo-Ehe nützt aus psychologischer Sicht also anders ausgedrückt vor allem jenen, die von Weißem, zis-männlichem und Klassen-Privileg profitieren.

 

 Hinzu kommt, dass nach der AIDS-Krise der Kampf von LGBTIQs um Anerkennung vor allem dazu überging, sich zu "entsexualisieren". In der AIDS-Krise waren die hegemonialen Bilder solche, die schwule Männer (halb-)nackt und gesichtslos in dunklen Darkrooms zeigten und sollten die "Gefahr" vermitteln, die von solchen "Virenschleudern" für die Gesellschaft ausging. "Der alte Topos der enthemmten Sexualität konnte sich nun an das enthüllte Panoptikum sexueller Exzesse heften, die die heteronormative Gesellschaft in so ausführlicher Form bisher noch nicht erblickt hatte. Analsex, Blasen, Darkrooms, Fisting, Fetische, Sexparties und BDSM-Praktiken ließen die Öffentlichkeit in wohligem Grusel erschaudern – und der alte Vorwurf der Zügellosigkeit schwuler Sexualität erhielt neue, höchst eindrucksvolle Illustrationen." (2) Nach der AIDS-Krise wussten Lesben und Schwule "intuitiv, dass von ihrer entsexualisierten Darstellung ihr Erfolg im Mainstream abhängt.“
 (3) Und so haben wir dafür gekämpft, neue Bilder von uns zu präsentieren: „Die neuen Bilder, in allen Medien anzuschauen, sprachen nicht von Sexualität, sondern von Liebe, Freundschaft und Partnerschaft. Sie zeigten keine halbnackten, gesichtslosen Körper an schlecht ausgeleuchteten subkulturellen Orten, sondern lächelnde Menschen in adretter Kleidung im öffentlichen Raum.“
 (4) Sowie: „Der auflagensteigernde Neuigkeitswert dieser Bilder bestand paradoxerweise vor allem darin, dass diese Menschen sich in überhaupt nichts von den gewohnten gemischtgeschlechtlichen Brautpaaren unterschieden. In den Fotos von ringetauschenden Homo-Paaren fand eine neue Botschaft endlich ihre ikonografische Form: ‚Wir sind genauso wie ihr’.“
 (4)

 

Cover von "Der Spiegel" aus den 1980ern

 

Was mussten wir also sein, um "genau so wie ihr" zu sein? Plakativ ausgedrückt: Weiß, zisgeschlechtlich, monogam, nicht promisk, wohlverdienend, brav Steuern zahlend. Zu viele Unterschiede durfte es nicht geben, einer war schon genug. Und um dies zu bewerkstelligen brauchte man den Schulterschluss mit dem Neoliberalismus der mit seinen Werbeplakaten, Hollywood-Filmen und Hochglanz-Magazinen zwar einerseits Homophobie bekämpfen kann, andererseits damit aber auch die LGBTIQ-Bewegung assimiliert und somit auch die Radikalität von Stonewall und des ursprünglichen CSDs entschärft, der vor allem ein Aufstand der Abgehängten des Neoliberalismus war, von obdachlosen LGBTIQs, von Queers of Color, von Trans*-Menschen und Drag Queens, von jenen, die eben nicht "genau so sind wie ihr".

 

Die Historikerin und Geschlechter- und LGBTIQ-Forscherin Lisa Duggan kritisiert dies in ihrem einflussreichen Essay "The New Homonormativity":  "The new liberal sexual politics (…) might be termed the new homo-normativity – it is a politics that does not contest dominant heteronormative assumptions and institutions but upholds and sustains them while promising the possibility of a demonilized gay constituency and a privatized, depoloticized gay culture anchored in domesticity and consumption. (...) This New Homonormativity comes equipped with a rhetorical recoding of key terms in the history of gay politics: ‚equality‘ becomes narrow, formal access to a few conservatizing institutions, ‚freedom‘ becomes impunity for bigotry and vast inequalities in commercial life and civil society, the ‚right to privacy‘ becomes domestic confinement, and democratic politics itself becomes something to be escaped." (5)

 

Es scheint mir, als wollte Wagenknecht dies zum Ausdruck bringen, wenn auch nicht ganz so geschickt. In den aktuellen Aufregungen fehlt mir aber dieser Aspekt, die Kritik mit der eigenen Bewegung und wie wir lange Zeit aus der LGBTIQ-Bewegung eine Bewegung von weißen, zis-männlichen, entsexualisierten, Schwulen ohne Behinderung aus der oberen Mittelschicht im Schulterschluss mit dem Neoliberalismus gemacht haben. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich bin ja selbst einer dieser gesellschaftlichen Gruppe. Und gerade deswegen sage ich: Wir haben viel zu lange anderen LGBTIQs nicht zugehört. Eigentlich ist Wagenknechts Kommentar nicht Homophobie, sondern ein Fingerzeig auf unsere eigenen strukturellen und verinnerlichten Rassismus-, Klassismus-, Sexismus-, Trans-, und Interphobie-Probleme. Meine mit eingenommen. Und es ein Fingerzeig darauf, dass die Assimilation des Neoliberalismus uns nicht befreit, sondern nur unmündig macht. Wir haben es zugelassen, dass der Neoliberalismus uns ruhig gestellt hat, indem er uns die "Ehe für alle" hingeworfen hat wie man einem Hund ein Leckerli hinwirft. Dadurch haben einige von uns ohne Frage wichtige Rechte erlangt. Aber während einige von uns sich an dem Leckerli der "Ehe für alle" blind erfreuen, nützt dies ganz vielen anderen (LGBTIQ-)Opfern einer harten neoliberalen Politik erst einmal rein gar nichts. Stonewall hat einmal als ein Kampf von Allen begonnen: Queers of Color, Trans*-Menschen, intergeschlechtlichen Menschen, obdachlosen LGBTIQ Jugendlichen, u.s.w. Auch wenn dies natürlich nichts an der Kraft der Ehe für alle ändert, haben viele von denen aber andere Sorgen, die alle auch mit dem Neoliberalismus verzahnt waren und sind. Der Neoliberalismus hat erkannt, dass er sich viel besser erhalten kann, indem er uns assimiliert, anstatt seine strukturellen Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Mit der Ehe für alle konnte er wunderbar von den (auch für LGBTIQs) viel tiefgreifenderen Problemen des Neoliberalismus ablenken. Es wird Zeit, dass wir uns dessen bewusst werden.

 

Barker, M.-J.; Scheele, J. (2016): Queer – A Graphic History, London, S. 156.

 

---

 

(1) Badgett, M. V. L. (2011): Social Inclusion and the Value of Marriage Equality in Massachusetts and the Netherlands, in: Journal of Social Issues, Vol. 67, No. 2, 2011, pp. 316-334

 

(2) Der Zaunfink (2018): Vom Sodomiten zur PrEP-Schlampe: Wanderwege der Sexfeindlichkeit, in: Der Zaunfink – Queere Alltagsanthropologie, derzaunfink.wordpress.com, https://derzaunfink.wordpress.com/2018/05/18/vom-sodomiten-zur-prep-schlampe/, 18.05.2018

 

(3) Rehberg, P. (2013): Homophob sind immer die anderen, in: der Freitag – Das Meinungsmedium, freitag.de, https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/homophob-sind-immer-die-anderen, 04.07.2013.

 

(4) Der Zaunfink (2015): Das Paarprivilegien-Projekt – Fast wie richtige Menschen, in: Der Zaunfink – Queere Alltagsanthropologie, derzaunfink.wordpress.com, https://derzaunfink.wordpress.com/2015/06/22/das-paarprivilegien-projekt-fast-wie-richtige-menschen/, 22.06.2015.

 

(5) Duggan, L. (2002): The New Homonormativity – The Sexual Politics of Neoliberalism, in: Castronovo, R., Nelson, D. D. (Hrsg.): Materializing Democracy – Toward a Revitalized Cultural Politics, Durham, S. 175-194.

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Death, Homophobia, & "Dangerous Sex Monsters"

December 1, 2019

From Stigma to Empowerment: Sex Work

April 6, 2019

1/10
Please reload

You Might Also Like: