The Sex Blog. We bring you the sociology and psychology of sex in a daring, erotic, thought-provoking, sexy, forbidden and easy to understand way.

Orgysmic
Tags

© 2018 by Orgysmic. Artworks by Juliusz Lewandowski.

Der Sexblog. Soziologische und psychologische Analysen der Sexualitäten. Gewagt, erotisch, sexy, provozierend und leicht verständlich.

Tod, Homophobie & "gefährliche Sex-Monster"

January 19, 2020

Wie das Aids-Stigma in der schwulen Community weiterlebt

 

Die folgende Rede wurde beim Welt Aids Tag 2019 im Museum der Modernen Kunst (MUDAM) in Luxemburg-Stadt als Einführung zum Film House of Boys gehalten.

 

[This article is also available in English here.]

 

Sehr geehrter Gesundheitsminister, Herr Schneider, 

Mein lieber Freund Henri Goedertz, liebes Team von Stop AIDS Now/ACCESS, 

und liebes Team des Museum der Modernen Kunst,

 

Vielen Dank für die Einladung hier zu sprechen. Nach 5 Jahren ist es mir in der Tat eine Ehre wieder in meinem Heimatland zu sein, um über ein Thema zu sprechen, dass mir seit über einem Jahrzehnt sehr am Herzen liegt. 

 

„Der Staat sollte Gesetze verabschieden oder bestehende Gesetze gegen homosexuelle Aktivitäten stärker durchsetzen. Homosexualität ist nicht nur eine moralische Angelegenheit, sondern jetzt auch eine gesundheitliche Bedrohung epidemischen Ausmaßes, die einfach nicht geduldet werden kann.“

– US-amerikanischer Pfarrer Jimmy Swaggart am 20. Juli 1986 (Übersetzung aus dem Englischen) (1)

 

Das Zitat, dass Sie hinter mir sehen, bezog sich ursprünglich auf die USA. Tatsächlich beschreibt es jedoch ähnlich akkurat die Homophobie, die wir in Europa währen der Aids-Krise erlebt haben. Diese Worte mögen ausgesprochen worden sein bevor ich geboren wurde, jedoch wirken sie sich weiterhin sowohl auf mich aus, als auch auf die schwule Gemeinschaft, und letztlich auf uns alle. 

 

Als ich mich 2005 als schwul outete und meinen Aktivismus sowie erste Versuche menschliche Sexualität zu studieren begann, war eine HIV-Erkrankung seit bereits einem Jahrzehnt kein automatisches Todesurteil mehr. Jedoch war mir, als auch so vielen Menschen in meinem Umfeld, diese lebensverändernde Information nicht bekannt. Da war ich, ein 16-jähriger schwuler Mann, und ich wusste nicht, dass ein HIV-positives Test-Ergebnis nicht mehr bedeutete, dass man sterben musste. Diese Unwissenheit war und ist immer noch ein direktes Resultat der Scham und des Stigmas in Bezug auf Sexualität und besonders schwule Sexualität. Erst sieben Jahre später, als ich eine Beziehung mit einem HIV-positiven Mann begann, entwickelte ich ein reifes Wissen über HIV und Aids. Er sprach offen und mit Selbstbewusstsein über seine HIV-Infektion. Das tut die große Mehrheit von Menschen mit HIV sogar heutzutage jedoch nicht. Das Stigma und die Scham sind für Viele einfach zu viel. 

 

Es ist meine Hoffnung und mein Wunsch für die Zukunft, dass wir die Scham in Bezug auf Sexualität heilen und sie hinter uns lassen können. Mit „wir“ meine ich nicht schwule Männer. Ich meine uns als Gesellschaft. Ich meine alle. Denn es wären nicht nur schwule oder andere Männer, die Sex mit Männern haben, die davon profitieren würden, durch Scham bedingtes Trauma zu heilen. Nein, davon würden wir alle profitieren, ganz unabhängig von unserer Sexualität.

 

Bevor ich einen tieferen Blick auf Scham und Stigma werfe, möchte ich gerne ein bisschen in die Vergangenheit reisen. Nicht zurück in die 80er, dem Höhepunkt der Aids-Krise, sondern viel weiter zurück, in die Ära des Kolonialismus in Afrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Manche Wissenschaftler*innen glauben, dass HIV als Folge miserabler Umstände, Zwangsarbeit und Verdrängung, verbunden mit der brutalen kolonialen Herrschaft weißer Europäer*innen über die indigenen Völker entstanden sei (2). Die schwarzen Sklaven in Plantagen, Bauprojekten und anderen kolonialen Unternehmungen wurden mit Buschfleisch versorgt, welches unter anderem von Affen stammte, was zu einer erhöhten SIV-Aussetzung für diese Menschen führte, dem von Affen stammenden Vorläufer von HIV.

 

Tatsächlich sind schwarze Menschen schon lange vor den 1980ern an Aids bezogenen Erkrankungen gestorben, was dieser Theorie zu Folge eine direkte Konsequenz des europäischen Kolonialismus wäre. Es war jedoch erst 1981, nachdem die ersten weißen Menschen, vorwiegend urbane schwule Männer, anfingen zu sterben, dass die Aids-Krise offiziell begann. Der Tod rückte näher an die weiße, westliche, heterosexuelle Mittelschicht-Familie heran und die Leute begannen in Panik zu verfallen. Die Panik förderte alte und neue Formen der Homophobie. Der Fokus der Medien fiel plötzlich auf die schwule Subkultur, auf schwule Saunen, Bars, Clubs und Cruising-Gebiete, wie zum Beispiel Kockelscheuer hier in Luxemburg. Anal- und Oral-Sex, BDSM, Darkrooms, Fisting, Fetische und Sex-Parties: Sensationalistische Zeitungsartikel und Fernsehberichte zeigten in einer Weise mit dem Finger auf schwule Sexualität, die heterosexuellen Menschen erlaubte ihre Sexnegativität zu vertiefen und sich in ihrer Homophobie gerechtfertigt zu fühlen. Schwule Männer zu beschuldigen, ohne ihre Sexualitäten wirklich zu verstehen, wurde weitläufig akzeptiert und gutgeheißen. Die heterosexuell dominierte Gesellschaft hatte für diese neue Plage ihren Sündenbock gefunden. Schwule Männer wurden im wahrsten Sinne für die potentielle Zerstörung der Menschheit stigmatisiert. Von diesem Moment bis heute, sind HIV und Aids untrennbar mit schwulen Männern und schwuler Identität verknüpft. 

 

 

Scham

 

Heute ist die Lebensqualität und -erwartung für HIV-positive Menschen in rechtzeitig begonnener Behandlung gleich derer von HIV-negativen Menschen. 1996, 15 Jahre nachdem die Aids-Krise begann, war ein positiver HIV-Test kein Todesurteil mehr und die chronische Infektion wurde kontrollierbar und konnte behandelt werden – vorausgesetzt man hatte Zugang zu Gesundheitsfürsorge, was für viele Menschen auf der Welt, einschließlich hier in West-Europa, nicht immer der Fall war und ist. Beispielsweise sind in Deutschland viele der Menschen, die aktuell an Aids bedingten Erkrankungen sterben, neuangekommene Menschen mit Fluchterfahrung ohne Zugang zu Gesundheitsfürsorge und lebensrettenden Medikamenten. Wir verweigern ihnen ihr Recht auf allgemeine Gesundheitsfürsorge. Wenn Menschen, die mit HIV leben, diesen Zugang jedoch haben, dann sind sie in der Lage gesunde, lange und normale Leben zu führen. Sie können jede Arbeit ausführen, sie können Eltern werden, sie feiern, lachen und weinen. Sie können sogar Sex ohne Kondome haben. Denn die Reduktion der Viruslast bis zur Nicht-Nachweisbarkeit, die durch die Medikamente erreicht wird, verhindert die sexuelle Übertragung von HIV.

 

Nichtsdestotrotz ist ein gesundes und langes Leben nur ein Teil der Wahrheit. Für viele Menschen mit HIV, besonders für schwule oder andere Männer, die Sex mit Männern haben, bleibt das Stigma erhalten und kann manchmal unsichtbare, aber erschütternde Auswirkungen auf ihre Leben haben. Ich möchte mit Ihnen ein Zitat des Psychologen Alan Downs teilen:

 

"Vom Großteil geouteter schwuler Männer wird keine Scham mehr empfunden. Was einst ein Gefühl war, ist zu etwas Tieferem und Unheilvollerem in unserer Psyche geworden – zu einer tiefen und festen Überzeugung unserer eigenen Unwürdigkeit Liebe zu erfahren. Das Erlebnis der Scham während dieser zarten und formgebenden Jahre der Jugend hat uns gelehrt, dass an uns etwas fehlerhaft, quasi unliebbar ist, und dass wir uns der Arbeit widmen müssen uns liebbar zu machen, wenn wir überleben wollen (…). Wenn du geliebt werden willst, musst du die Wahrheit über dich verbergen und daran arbeiten, liebbar zu sein. Die Zeiten, in denen wir uns für unser Schwulsein schämten, sind an uns vorbeigezogen wie die letzten Tage des Sommers, und sind in unsere Erinnerung geschlüpft während wir unsere Leben weiterführten und uns der Angelegenheit widmeten, offen als schwule Männer zu leben. Scham wurde in den Stamm unserer stets expandierenden Persönlichkeiten eingebettet, wodurch sie sich auf alles an uns auswirkte. Und trotz allem befindet sich diese Scham so unglaublich nahe am Kern unserer Wesen, dass wir dem hilflos gegenüber stehen, und sie nicht als etwas vom „Ich“ Separaten betrachten können. So, wie das Auge sich nicht selbst sehen kann, können wir diese eingebettete Scham weder sehen noch fühlen. Aber täusche dich nicht, die Scham ist da – und sie ist sehr real." (3)

 

Er spricht auch über die Scham, die schwule Männer mit HIV empfinden: 

 

"Für so viele schwule Männer schlägt die Scham HIV-positiv zu sein einen viel tiefgreifenderen und destruktiveren Verlauf ein, als die Scham schwul zu sein. Sie wird zu einer Art lebenslänglicher Erinnerung, dass wir fehlerhaft sind und animiert die feste, düstere Überzeugung, dass HIV ein körperlicher Beweis für unsere eigene Unliebbarkeit ist." (4)

 

Der deutsche schwule Journalist Jan Feddersen erklärte wie tief sich diese Scham während der AIDS Krise in die Identität schwuler Männer eingebettet hat [CLICK]: 

 

"Es gab einfach so viele von uns, die wirklich suizidal unterwegs waren. (...) Manche haben sich mit Absicht zu Tode gefickt. Die wollten sterben, weil sie sich gehasst haben, gehasst, weil sie schwul sind – als ob ihr eigenes So-Sein kein langes Leben verdient." (5)

 

House of Boys, der Film von Jean-Claude Schlim, den Sie gleich sehen werden, bietet einen Einblick, um das Trauma dieser Zeit besser zu verstehen. Es ist schwer in Worte zu fassen wie traumatisch die Jahre zwischen 1981 und 1996 für schwule Männer waren und – auf gewisse Weise – wie traumatisch sie weiterhin für uns sind. Sie waren ausreichend traumatisch für jene schwulen Männer, die „nur“ unter einer Form der Unterdrückung litten. Für schwarze, braune und andere PoC Männer, oder für trans* schwule Männer, um nur zwei Beispiele zu nennen, waren sie noch verheerender. Aids wurde ein Spiegel der grausamen Ausgrenzung durch die Gesellschaft. Je stärker eine Community ausgegrenzt wurde, desto stärker litt sie unter Aids und desto weniger Zugang hatte sie zu Medikamenten. AZT ist ein Medikament, welches in den 60er Jahren gegen Krebs entwickelt, jedoch aufgrund seiner hochtoxischen Nebenwirkungen nie als solches zugelassen wurde. 1985, jedoch, war es die einzige Hoffnung für Menschen mit HIV. Das Medikament war derart giftig und wurde zu Beginn in solch hohen Dosen verschrieben, dass manche Menschen an den Nebenwirkungen von AZT starben, bevor sich AIDS bezogene Erkrankungen überhaupt tödlich ausgewirkt hätten. In den USA, jedoch, war sogar dieses toxische Medikament etwas zu dem nur reiche Menschen Zugang hatten, was in erster Linie Weiße bedeutete. Die Pharma-Industrie verdiente viel Geld mit dem damals teuersten Medikament auf dem Markt: AZT Kosten beliefen sich auf bis zu 10.000 US-Dollar pro Patienten pro Jahr. Die ärmeren schwarzen und braunen Schwulen- und Trans*-Communities, die in den meisten Fällen keinen Zugang zu Gesundheitsfürsorge hatten, waren oft auf weiße schwule Männer angewiesen, die ihre übrigen Medikamente spendeten nachdem sie starben.

 

 

Tod

 

Das Aids-Trauma entstand aus drei unterschiedlichen Perspektiven, die, kombiniert, das Stigma der HIV-Positivität, oder der Furcht davor HIV-positiv zu sein, erzeugten.

 

Erstens entsprang das Trauma der Tatsache, dass eine HIV-Infektion ausnahmslos tödlich zu verlaufen schien. Die Menschen in unserer Community starben in großen Zahlen und wir waren demgegenüber machtlos. Dabei möchte ich bemerken, dass zu oft vergessen wird, dass viele lesbische Frauen wichtige und mächtige Verbündete wurden im Kampf gegen konservative Aids-Politik und in der Fürsorge ihrer sterbenden schwulen Brüder. Im deutschen Dokumentarfilm “Angst vor AIDS – Deutschland in den 80ern”, erklärt der HIV Spezialist Dr. Dietmar Schranz, dass sich aus heiterem Himmel ein Loch geöffnet hatte und die Hälfte deiner Freunde, die Hälfte deiner gesamten Generation verschwunden war. Liebe und Furcht wurden Eins. Man konnte nicht lieben ohne Angst zu haben. Wie House of Boys schmerzlich zeigt, waren junge Männer plötzlich mit der sehr reellen Frage konfrontiert wie sie sterben wollten. Manche begannen Drogen und Medikamente zu sammeln, um ihr eigenes Leben zu beenden bevor Aids in ihren Gesichtern erkennbar und dazu führen würde, dass sich alle von ihnen abwendeten. Schwule Männer begruben vor ihrem 30. Lebensjahr mehr Freunde und Liebhaber als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Der Psychologe Alan Downs fasst es wie folgt zusammen:

 

“‘Wo ist John?’ ist eine Frage, von der sogar ich wusste, sie niemals zu stellen. Wenn jemand plötzlich verschwand, nahm man einfach an er sei der Pest zum Opfer gefallen.” (6)

 

Die Sterbenden waren meist mehr als “nur” Freunde. Sie waren die Wahlfamilien der schwulen Männer, oft nachdem ihre Blutsfamilien sie aufgrund ihrer Orientierung im Stich gelassen hatten. Nichtsdestotrotz waren es oft diese Blutsfamilien, die ihre verstoßenen Söhne beisetzten, wobei sie die Freunde und Wahlfamilie ihrer Söhne von der Trauerfeier ausschlossen. Scham und Stigma sorgten dafür, dass die Todesursache geleugnet wurde. Sie sorgten für Todesanzeigen, die von Krebs sprachen oder von „langer Krankheit“. In der Regel leugneten diese Anzeigen auch die Sexualität und das Leben dieser Männer und machten sie, ihren Schmerz aber auch ihre Lebenserfolge dadurch unsichtbar. Und oft raubten die Verwandten den Wahlfamilien ihrer Söhne auch die letzte Chance sich zu verabschieden und Frieden zu schließen.

 

 

Homophobie

 

Zweitens entstand das Trauma aus der ausgesprochenen Homophobie heraus, die während der Aids-Krise einen Höhepunkt erreichte. In der dominanten heterosexuellen Welt war Aids die Strafe Gottes für das Schwulsein. Dieser Glaube verschleierte selten die Enttäuschung mancher Leute, dass sie nicht einfach selbst diese Strafe der körperlichen Vernichtung all jener sexuellen Perversen, die es wagten den Pfad der monogamen heterosexuellen Ehe zu verlassen, ausführen konnten. 1983, das Jahr in dem das deutsche Magazin Der Spiegel die erste von vielen sensationalistischen und homophoben Aids-Titelgeschichten schaltete, blockierten Aktivist*innen erfolgreich die Tür eines Operationssaals in einem Krankenhaus in Berlin, in dem Ärzt*innen am Gehirn eines sterbenden Mannes operieren wollten – nicht um dem Mann zu helfen, sondern aus wissenschaftlicher Neugier. 

 

 

Gefährliche Sex-Monster

 

Und drittens, Trauma entstand aus dem Stigma heraus eine vermeintliche Gefahr für die Gesellschaft zu sein. HIV bemächtigte Ängste, dass Homosexualität zum Niedergang der Gesellschaft führen würde. Wie der deutsche Blogger Der Zaunfink erklärt, entstanden apokalyptische Fantasien, in denen schwule Männer wortwörtlich zur Verkörperung des tödlichen Virus wurden, die, zusammen mit der dämonischen Hilfe bisexueller Männer ganze Nationen zu Fall bringen würden. All dem zum Trotz betrieb West-Deutschland eine recht progressive Aids-Politik als die Gesundheitsministerin Rita Süssmuth in ihr Amt trat: Sie bemühte sich um die Unterstützung der neugegründeten Aidshilfen, richtete den Fokus darauf mit den statt gegen die von HIV und Aids Betroffenen zu arbeiten und propagierte den Gebrauch von Kondomen, was ihr viel Kritik einbrachte, da viele glaubten es sei am besten gar keinen Sex außerhalb der monogamen, heterosexuellen Ehe zu haben. In Bayern allerdings, ungeachtet dieser progressiven Politik, beschloss die Regierung Menschen mit HIV nicht nur zu kontrollieren und zu überwachen, sondern auch vermeintliche Risikogruppen, sowie deren Verwandte. Sexarbeiter*innen, Drogenabhängige, schwule Männer und Einwohner*innen mit Migrationserfahrung wurden zwangsgetestet und 40 Jahre nach der Befreiung der KZs, rief Horst Seehofer, der heutige Bundesinnenminister, zur Schaffung von Heimen auf, um die Bevölkerung der HIV-Infizierten zu „konzentrieren“ und die Gesellschaft zu „schützen“.

 

Auch außerhalb von Bayern wurde viel getan um die Gesellschaft vor diesen vermeintlich "tödlichen schwule Sexmonstern" zu schützen. In West-Berlin protestierten die Angestellten eines öffentlichen Schwimmbads als Menschen mit HIV das Becken benutzen wollten. Manche in Deutschland forderten, dass HIV-positive Menschen zwangsweise neben ihren Genitalien tätowiert werden sollten. In Luxemburg verurteilten konservative Politiker*innen HIV-Prävention durch Kondomgebrauch anstatt durch „moralische Werte“ und Monogamie, oder verlangten, dass Menschen zwangsweise getestet wurden, wenn sie einen Führerschein beantragten. Und in ganz Europa, einschließlich Luxemburg, weigerten sich Zahnärzt*innen Menschen mit HIV zu behandeln, Justizvollzugsbeamte forderten versetzt zu werden, um nicht mit HIV-positiven Insass*innen in Kontakt zu kommen und Angestellte forderten, dass HIV-positive Kolleg*innen gefeuert wurden. Ironischerweise, wurden so manche ernsthaften Gefahren ignoriert: Bis 1987 fühlte sich niemand verantwortlich, Blut in Blutbanken zu testen. Viele fanden es einfacher, ganze Gruppen zum Sündenbock zu machen, einschließlich Sexarbeiter*innen, Immigrant*innen, Drogengebrauchende und besonders schwule und andere Männer, die Sex mit Männern haben, anstatt das zu tun, was nachweislich der öffentlichen Gesundheit nützte.

 

 

Verinnerlichte Scham

 

Viele schwule Männer verinnerlichten dieses Stigma, wodurch gesellschaftlicher Hass zu Selbsthass wurde, oft von der Überzeugung begleitet, dass sie es nicht verdient hätten zu leben, geschweige denn ein glückliches, erfülltes Leben zu führen. Auf gewisse Weise lebt dieser Selbsthass in unseren Köpfen bis heute weiter und wirkt sich auf unsere Welt, unsere Gedanken, unser Handeln, unser Verhalten, unser Selbstwertgefühl aus. Natürlich nicht in jedem schwulen Mann. Aber, in unterschiedlichem Maße, in zu vielen von uns. In den frühen 90er Jahren, teils als Resultat der Aids-Krise, wurde die schwule Kultur besessen von durchtrainierten, muskulösen Körpern. Gesundheit durch fitte, athletische Körper darzustellen wurde zu einem Weg sich von den kränklichen Körpern von Menschen, die mit Aids lebten, zu distanzieren. Die Verunsicherung der männlichen schwulen Kultur ist etwas aus dem die Fitness-Industrie bis heute Profit schlägt.

 

Das virale Todesurteil mag zwar nicht mehr existieren, aber das Stigma, diese Mischung aus Scham, Schuld und Angst, oft in Verbindung mit Erinnerungen an so viele Tote, bleibt im kollektiven Gedächtnis von schwulen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben, bestehen. Mentale Gesundheit ist ein signifikantes Problem in der schwulen Community. Und obgleich es dafür unterschiedliche Gründe gibt, trägt das kollektive Trauma der Aids-Krise und dem HIV-bezogenen Stigma, mit dem jeder schwule Mann in der Gesellschaft heute konfrontiert ist, unabhängig von seinem HIV-Status, hierzu sicherlich bei. Schwule, bisexuelle und queere Männer haben eine vier- bis siebenmal höhere Wahrscheinlichkeit Selbstmord zu begehen als heterosexuelle Männer. Bevor schwule Männer erwachsen werden, haben 20% von ihnen bereits einen Selbstmordversuch hinter sich.

 

Das Stigma, mit dem schwule Männer in einer heteronormativen Gesellschaft post-Aids-Krise konfrontiert sind, hat auch zu einer Spaltung innerhalb der schwulen Community geführt. Der Geist des promisken, "verhurten" schwulen Mannes, der während der Aids-Krise geschaffen wurde, spaltet immer noch die Community. Auf der einen Seite stehen die “guten” Schwulen, jene, die in monogamen Ehen leben und sich in die Heteronormativität assimilieren. Auf der anderen Seite stehen die „bösen” Schwulen, jene, die es wagen in Promiskuität zu leben, die mehrere Sexpartner haben und in Sex-Clubs gehen. Obgleich die Ehe für Alle sicherlich ein Erfolg ist, der es verdient gefeiert und verteidigt zu werden, ist sie auch ein Resultat des Wunsches auf der “guten” Seite zu sein und sich in die Heteronormativität zu assimilieren. „Hetero-like” oder “außerhalb der Szene stehend” sind Labels, die sich manche schwule Männer selbst geben und von anderen einfordern. Die Dynamik von guten vs. bösen Schwulen ist heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach der Einführung effektiver HIV-Medikamente wieder sichtbar in der Diskussion um PrEP, einem Medikament, welches von HIV-negativen Menschen genommen werden kann um eine HIV-Infektion zu vermeiden. PrEP schützt erfolgreich vor HIV, selbst ohne Kondomgebrauch. Jedoch werden PrEP-Nutzer*innen als unverantwortliche, gefährliche "Schlampen" stigmatisiert und das Medikament selbst irrationalerweise als Party-Droge bezeichnet. Und die gleiche sexnegative Logik, die gegen den Gebrauch von Kondomen in den 80ern benutzt wurde, wird jetzt ironischerweise gegenüber PrEP-Nutzer*innen verwendet. Die Band spielt weiter, das Stigma der Aids-Krise bleibt erhalten, nur in neuer Form. 

 

Nochmals: Mentale Gesundheitsprobleme innerhalb und Spaltung der schwulen Community haben unterschiedliche Gründe. Sie sind jedoch auch Beispiele dafür wie das Trauma der Aids-Krise – das von Tod, Homophobie und aus der Wahrnehmung als gefährliche Sexmonster resultierende Stigma – weiterhin schwule Männer beeinträchtigt. Jede soziale Interaktion, die wir haben, jedes Wort, was wir wechseln, könnte potentiell und oft unterbewusst von einer Furcht begleitet werden als böse, krank, gefährlich wahrgenommen zu werden. HIV- oder Aids-Leugnung und Verschwörungstheorien sind, in Folge, eine bequeme Methode das Stigma zu lösen. Wenn HIV oder AIDS nicht existieren, wenn alles nur eine große Verschwörungstheorie der Pharmakonzerne ist, dann muss man sich nicht mehr schämen, schuldig oder schlecht fühlen. Man kann diese Scham effektiv auf eine böse Verschwörung schieben. Interessanterweise sind es zu großen Teilen, wenn nicht sogar zum Großteil heterosexuelle Menschen, die an die Verschwörungstheorien um HIV/Aids glauben, was bedeutet, dass nicht nur schwule Männer vom HIV-Stigma betroffen sind, oder vom Stigma ein sexueller Außenseiter zu sein, sondern auch Heterosexuelle. Dies ist keine Überraschung, da kaum jemandes Sexualität fein säuberlich in eine erwartete Norm fällt und jede Abweichung von der Norm kann ein Grund für Scham und Schuldgefühle sein. Verschwörungstheorien sind eventuell eine Methode der menschlichen Psyche, Schuldgefühle zu reduzieren. 

 

 

Kollektive Verantwortung

 

Die Art, wie wir mit HIV und AIDS umgehen, muss einen kollektiven Charakter haben. Jedoch wird dies allzu oft der individuellen Verantwortung überlassen, eine Bürde, die unfairerweise jenen aufgehalst wird, die mit Stigma zu kämpfen haben, was es ihnen schwer bis unmöglich macht, konsistent Verantwortung zu übernehmen. In vielen Länder, zum Beispiel in Deutschland, werden Menschen, die mit HIV leben, kriminalisiert. In manchen Fällen werden sie inhaftiert, weil sie Sex mit anderen haben ohne ihren Status bekanntzugeben, ungeachtet dessen ob eine Übertragung stattgefunden hat oder nicht und unabhängig davon ob Safer Sex praktiziert wurde oder nicht, entweder durch den Gebrauch von Kondomen oder mittels Schutz durch Therapie, also dadurch, dass Behandlung der Infektion des HIV-positiven Sexpartners eine Übertragung von HIV unmöglich macht. 

 

Die Notwendigkeit kollektiven Handelns und staatlicher Verantwortlichkeit sollte aber nicht den Effekt individueller Handlungen negieren. Ungeachtet all der falschen Beschuldigungen der Verantwortungslosigkeit ist es tatsächlich wichtig zu betonen und, ja, sogar zu bewundern, wie groß die Veränderung im Verhalten ist, die die schwule Community während der AIDS Krise zustande gebracht hat. Entgegen gewisser Erwartungen ist die Kurve neuer Infektionen unter schwulen Männern in vielen Ländern nicht weiter angestiegen, sondern hat zur zweiten Hälfte der 1980er hin ein Plateau erreicht. Der deutsche Sexologe Martin Dannecker zeigte, dass unter schwulen Männern während der 80er der Gebrauch von Kondomen um beeindruckende 93% anstieg! (7) Die schwule Community brachte es zu Stande, den Gebrauch von Kondomen in ihre Sexualpraxis in weit höherem Maße zu integrieren, als dies unter Heterosexuellen erfolgte. Diese Fakten stehen in direktem Kontrast zu erniedrigenden Stereotypen sogenannter “unverantwortlicher Homosexueller”. Und obwohl wir jetzt Zugang zu PrEP und Schutz durch Therapie haben, wodurch eine HIV-Übertragung effektiv sogar ohne den Gebrauch von Kondomen verhindert wird, zeigen Studien, dass schwule Männer weiterhin konsistenter Kondome verwenden als heterosexuelle Menschen. 

 

Um den Kreis zu schließen: Wenn man so eine Rede hält, ist es immer schwierig Gegenwart und Vergangenheit gleichermaßen zu ehren. An die vergangenen Zeiten zu erinnern ohne im Trauma der Vergangenheit stecken zu bleiben. Fakt ist, dass schwule Männer in Westeuropa heute ein besseres Leben haben als jemals zuvor. Außerdem werden Menschen, die mit HIV leben, wenn sie Zugang zu Gesundfürsorge haben, weder krank noch sterben sie. Sie können absolut normale Leben führen. Und es leiden bei weitem nicht alle Menschen mit HIV unter Problemen mit mentaler Gesundheit oder verinnerlichtem Stigma oder Scham. Aber sie tragen ein höheres Risiko als jene die nicht mit dem Virus leben. 

 

Trotzdem bleibt es wichtig, die Vergangenheit nicht zu vergessen. Besonders heute mit dem Aufstieg rechten Nationalismus, Faschismus und post-faktischer Politik, ist es eine Frage von Respekt und Würde für jene die wir an Aids verloren haben, gegen Intoleranz und Marginalisierung einzustehen. Auf der ganzen Welt und auch hier in Luxembourg gewinnen rechte Populist*innen und post-faktische Politik an Fahrt. Dies wird immer den von der Gesellschaft am meisten marginalisierten schaden, nicht nur LGBTIQ Menschen, sondern auch zum Beispiel BIPoC, Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung, muslimischen und jüdischen Menschen. Ein Aufstieg rechten Populismus wirkt sich sicherlich ebenfalls negativ auf die HIV/Aids-Prävention und -Politik aus.

 

 

Serophobie

 

Die Vergangenheit zu ehren, um Lektionen für die Zukunft zu lernen, ist etwas das Jean-Claude Schlims Film House of Boys helfen kann uns beizubringen. Ich sah House of Boys zum ersten Mal als er 2010 erschien. Es war für mich einer der wichtigsten und sicherlich der professionellste luxemburgische Film, den ich bis dahin gesehen hatte. 

 

House of Boys macht sichtbar, was viele Menschen verbergen, verstummen, verneinen wollen. Er stellt die Würde jener schwulen Männer wieder her, die an Aids bezogenen Krankheiten starben und von ihren Familien beigesetzt wurden, die ihre Homosexualität leugneten, die Aids leugneten. 

 

Meine tiefe Dankbarkeit geht an Jean-Claude Schlim für diesen international gelobten Film. House of Boys nimmt uns mit auf eine Reise, um uns den Schmerz dieser Leben spüren zu lassen, wodurch er die stigmatisierende Kluft zwischen uns und ihnen, zwischen der heteronormativen Gesellschaft und der schwulen Gemeinschaft überbrückt. Mit Mitgefühl, Integrität und Empathie führt uns House of Boys wieder zusammen. Diese Wiederverbindung ist wichtig, um das Trauma von Aids zu heilen, nicht nur für schwule Männer, sondern für die Gesellschaft als Ganzes. Genau wie das Patriarchat nicht nur Frauen schadet, sondern auch Männern, indem es traditionelle bzw. toxische Maskulinität generiert, genau wie Homophobie nicht nur Homosexuellen schadet, sondern auch Heterosexuelle, die sich ihrer Sexualität unsicher sind, genauso schadet Serophobie, das Glaubenssystem das Menschen mit HIV unterdrückt, auch Menschen ohne HIV. Es ist nicht mehr ein Virus, das unser Sexleben terrorisiert. Es ist das Stigma. Es ist Serophobie. 

 

In Berlin zu leben hat mich viel über menschliche Sexualität gelehrt. Berlin ist berühmt für seine Sex-Clubs, wo alle möglichen Menschen, ob hetero, schwul, lesbisch, bi- oder pansexuell, ob intersexuell, trans* oder cis-geschlechtlich und egal welcher Hautfarbe, Herkunft, Religion, welchen Alters, welcher Schicht, egal ob mit oder ohne Behinderung, zusammenkommen, gesellschaftliche Normen, Barrieren und Trennungen überschreiten, um das Leben zu zelebrieren und, ja, Sex zu haben. Es ist ein Ort, an dem man die transformative Macht der Verbindung durch Sex erleben kann. Sex kann eine Art sein, Menschen zu trennen, aber auch sie zusammen zu bringen. Und das Ironische dabei ist, dass man keinen Sex miteinander haben muss, um diese Verbindung zu erleben. In Zeiten ungezügelten neoliberalen Individualismus ist es manchmal leicht zu vergessen, dass Menschen dafür geschaffen sind, in Verbindung miteinander zu stehen. Es ist meine Hoffnung, meine Überzeugung, dass House of Boys genau dieselbe verbindende Macht besitzt, um die Kluft zu überbrücken zwischen hetero und schwul, zwischen HIV-positiv und -negativ, zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zwischen uns und ihnen. 

 

Danke Jean-Claude Schlim. Und danke, liebes Publikum, für Ihre Aufmerksamkeit. 

 

 

[Aus dem Englischen von Adrian Iselin.]

 

 

(1) Übersetzt aus: Hoppe, Trevor (2018): Punishing Disease – HIV and the Criminalization of Sickness, Oakland, California, S. 1.

 

(2) Vgl. Chitnis A., Rawls D., Moore J. (2000): Origin of HIV Type 1 in Colonial French Equatorial Africa?. AIDS Research and Human Retroviruses. 16 (1): 5–8, zitiert nach Wikipedia.

 

(3) Übersetzt aus: Downs, Alan (2012): The Velvet Rage – Overcoming the Pain of Growing Up Gay in a Straight Man's World, Cambridge, Massachusetts, S. xif.

 

(4) Übersetzt aus: Downs, Alan (2012): The Velvet Rage – Overcoming the Pain of Growing Up Gay in a Straight Man's World, Cambridge, Massachusetts, S. xvif.

 

(5) Reichert, Martin (2018): Die Kapsel – Aids in der Bundesrepublik, Berlin, S. 58.

 

(6) Übersetzt aus: Downs, Alan (2012): The Velvet Rage – Overcoming the Pain of Growing Up Gay in a Straight Man's World, Cambridge, Massachusetts, S. 222.

 

(7) Vgl. Reichert, Martin (2018): Die Kapsel – Aids in der Bundesrepublik, Berlin, S. 113.

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Tod, Homophobie & "gefährliche Sex-Monster"

January 19, 2020

Death, Homophobia, & "Dangerous Sex Monsters"

December 1, 2019

1/10
Please reload

You Might Also Like: