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Warum wir promisk lebende Frauen als Schlampen stigmatisieren

February 25, 2018

Ein Mann fickt mit zig Frauen: Ein Held. Eine Frau fickt mit zig Männern: Eine Schlampe. Woher kommt das und wie erleben Frauen ihre Sexualität in diesem Ungleichgewicht?

 

[This article also exists in English.]

 

"Unter allen Kreaturen der Erde ist keine so eindringlich, kreativ und konstant sexuell wie der Homo Sapiens."

 

- Christopher Ryan & Cacilda Jethá (übersetzt aus dem Englischen) (1)

 

Es ist eine freie, sexuell aufgeladene und doch entspannte Stimmung hier. Überall hängen psychedelische, sich bewegende, bunte und sexuell aufreizende Bilder. Dutzende Menschen sitzen auf den gepolsterten Liegen beim riesigen, eiskalten Pool. Sie trinken Wein, Bier, Cocktails oder auch Softdrinks. Manche rauchen Zigarette, manche Joint. Alle sind sie jedoch entweder komplett nackt oder (wie die meisten) in irgendwelche seltsamen, lustigen, sexy oder kinky Klamotten gekleidet. Im hinteren Bereich kommt gerade eine komplett nackte, schweißgebadete Frau aus der Sauna und stellt sich unter die kalte Dusche. Der Kit Kat Club ist einer der berühmtesten Clubs in Berlin. Vor allem die Samstag Nacht, der „Carneball Bizarre“ ist weltweit bekannt für seine sexuelle Freiheit.

 

Im hinteren Teil des Clubs befinden sich die zwei Tanzflächen. Hier tanzen Heteros, Homos, Bisexuelle, Pansexuelle, Trans*- und Cis-Menschen, Männer, Frauen und Intersexuelle so ausgelassen und frei, dass man sich fragt, warum man diese Labels eigentlich noch braucht. Sie bewegen sich zu Berlins berühmter Techno-Musik, sind verschwitzt, knutschen, lachen, manche sind auch high. Inmitten der Tanzfläche haben zwei Cis- und zwei Trans*-Frauen einen Mann im Ganzkörper-Latex-Anzug zu Boden geworfen und zwingen ihn, ihre Füße zu küssen. Dabei schlagen sie ihm immer wieder auf den Arsch, was ihn sehr geil zu machen scheint. Es muss einer der demütigsten Momente seines Lebens sein. Ich freue mich für ihn. Doch das eigentliche Treiben passiert in den hinteren Ecken, sowie auf den oberen Balustraden. Hier ficken Menschen jeglicher geschlechtlicher Identität, jeglicher sexueller Orientierung. Ohne Stigma, ohne schiefen Blick, aber auch ohne Druck, ohne Macho-Gehabe.

 

 Website des Kit Kat Clubs in Berlin: kitkatclub.org 

 

Handys und Kameras sind im Kit Kat Club verboten. Was im Kit Kat geschieht, bleibt im Kit Kat. Es gibt eine Null-Toleranz-Politik für Diskriminierung und Sexismus. Männer, die Frauen bedrängen, fliegen aus dem Club. Jeder Mensch, der oder die möchte, kann seine oder ihre Sexualität im Einverständnis aller Beteiligten hier so ausleben, wie er oder sie das möchte.

 

Hier treffe ich auch Maria (2). „Du kannst hier viel ausprobieren, mit verschiedenen Männern knutschen oder rummachen und so ein Feeling dafür bekommen, mit dem du vielleicht mehr machen möchtest,“ erzählt sie mir. „Kann natürlich auch sein, dass du an einem Abend niemanden findest, der dir gefällt. Tja, dann gehst du halt nach Hause und masturbierst.“ Sie lacht. Maria kommt aus einem kleinen Dorf in Süddeutschland, wo alle alle kennen. Richtig Sex haben kann sie da nicht. Zu groß ist die Angst, dass man über sie redet. Wenn sie in Berlin ist, kann sie sich etwas mehr gehen lassen. Im Kit Kat Club fühlt sie sich freier.

 

 

„Was für eine Schlampe wäre ich in deren Augen?“

 

„Der Blick der Anderen ist immer da. Vor allem in der Provinz“, sagt Maria. „Wenn die wüssten, was ich in Berlin mache… Wie würden sie mich dann wohl betrachten? Was für eine Schlampe wäre ich in deren Augen?“ Diese Ansicht kommt nicht von nur einem Gefühl. „Ich habe mehrere Erfahrungen in die Richtung gemacht. Einmal hat ein Arbeitskollege sich über einen Freund lustig gemacht, der mit vielen Frauen Sex hatte. Interessanterweise hat er abfälliger über die Frauen gesprochen, mit denen er Sex hatte, als über ihn. Zwar war es in seinen Augen wohl auch nicht ok, dass sein Freund so viele verschiedene Frauen hatte, aber die Verachtung ging ganz klar mehr in Richtung der Frauen, die selbst auch nicht nur mit seinem Freund gefickt haben. Da fiel auch das Wort ‚Schlampe.‘“

 

„Deswegen wäre so ein Leben, wie ich das in Berlin immer wieder habe, zuhause nie möglich. Manchmal überkommt mich die Scham, wenn ich zuhause daran denke, was ich in Berlin mache.“ Woher denn ihrer Meinung nach diese Scham käme, frage ich sie. „Unter anderem auch von meinem Exfreund. Er hat mich sehr oft als Schlampe beschimpft. Dabei hatte ich keinen Sex mit anderen Männern, während wir zusammen waren. Aber er hatte sehr viele Komplexe. Unter anderem, dass sein Schwanz nicht groß genug sei, und er mich deswegen nicht zufrieden stellen könnte. Dabei war das kompletter Quatsch. Das Problem war eher, dass er erstens oft zu früh gekommen ist und es dann vorbei war, und vor allem aber zweitens an mangelnder Kommunikation. Aber sein Fokus lag nur auf der Größe seines Schwanzes. Er hatte die unberechtigte Angst, sein Teil sei angeblich nicht groß genug. Und diese Angst hat er dann auf mich projiziert. Ich sei halt eine Schlampe, die dauernd nur große Schwänze wolle.“

 

 

Ein Hochsicherheitsgefängnis für eine angeblich schwache Libido

 

Woher kommt dieses Stigma? Warum haben wir so eine Doppelmoral, wenn es um die Sexualität von Männern und Frauen geht? So manches spricht dafür, dass es sich hierbei um ein Besitzanspruch des Patriarchats an Frauen geht. Menschen sind durchschnittlich betrachtet eine sehr sexuelle Tierart. Natürlich gibt es auch asexuelle und weniger sexuelle Menschen. Aber durchschnittlich betrachtet zeigen etliche anthropologische Studien (3), dass Menschen – inklusive Frauen – zusammen mit ihren nächsten Verwandten, den Bonobos und den Schimpansen, eine sehr sexuelle Tierart sind. Sex übernimmt nicht nur die Funktion der Reproduktion, sondern vor allem auch hat es eine wichtige soziale Funktion der Bindung. Und dennoch erzählt uns (nicht nur) westliche Kultur, Religion und auch manche Bereiche der Wissenschaft immer wieder, dass Menschen nicht sehr sexuell sind, ja von Natur aus monogam seien. Dies gelte insbesondere für Frauen. Männer würden eventuell noch versuchen, ihre Gene so weit wie möglich zu verbreiten, aber Frauen seien nicht so sexuell.

 

Und trotz all dieser Versicherungen, dass Frauen durchschnittlich keine sehr große Libido hätten, haben Männer durch die gesamte Geschichte hinweg in zahlreichen Kulturen unzählige Versuche unternommen, diese ach so schwache, weibliche Libido zu kontrollieren: Weibliche Genitalverstümmelung, Ganzkörperverschleierung, mittelalterliche Hexenverbrennungen, Keuschheitsgürtel, Korsette an der Grenze der Erstickung, Pathologisierungen, medizinische Diagnosen der Nymphomanie oder Hysterie, oder eben auch die gemurmelten Beschimpfungen von Frauen als nimmersatte Huren oder deren Verachtung, wenn sie sich dazu entscheiden, ihre Sexualität freizügiger auszuleben. Manche Kulturen haben Frauen sogar zu Tode gesteinigt, wenn sie ihren Ehemännern fremd gegangen sind. Alles Teil einer fast weltweiten „Kampagne“, um die vermeintlich schwache weibliche Libido unter Kontrolle zu halten. Warum diese elektrischen, messerscharfen Hochsicherheitszäune, um anscheinend nur ein Baby-Kätzchen einzusperren? Warum gibt es unzählige Belege des Ehebruchs in ausnahmslos jeder patriarchalen Kultur, selbst in solchen, in denen Frauen regelmäßig mit dem Tod bestraft wurden? Im Angesicht all dieser blutigen Vergeltungen, fällt es schwer zu glauben, dass Frauen von Natur aus weniger sexuell seien. Warum würde man sein Leben riskieren, für etwas, das wider die eigene Natur ist? Kein Lebewesen muss mit dem Tod bedroht werden – sei es nun tatsächlich oder symbolisch in Form von Stigma – um gemäß seiner Natur zu leben. (4)

 

Interessanterweise halten auch viele Ableger der Evolutionstheorie an diesem Bild der weniger sexuellen Frau fest, auch wenn so langsam diese Ansicht von einigen Evolutionsbiolog*innen und -psycholog*innen in Frage gestellt wird. Denn es scheint mehr und mehr, dass der angebliche Impuls des modernen Mannes, die Sexualität der Frau zu kontrollieren, nicht Teil seiner biologischen Natur ist, sondern vielmehr das Resultat einer historischen und sozioökonomischen Entwicklung. Es ist eine Anpassung an die gesellschaftliche Welt des Patriarchats, das Frauen als Besitz des Mannes betrachtet (5). Zum Vergleich: Es gibt zahlreiche Kulturen, in denen eine starke weibliche Sexualität als „normal“ gilt. Die Anthropologie kennt mindestens 18 Kulturen allein in Südamerika (6). Scham unter Frauen für wechselnde Sexpartner*innen? Fehlanzeige! 

 

„Wie alle dominanten Gruppen auch versuchen Männer ein Bild ihrer Unterworfenen zu verbreiten, das zur Erhaltung des Status Quo beiträgt. Für Tausende von Jahren haben Männer Frauen nicht so gesehen, wie Frauen sein können, sondern nur so, wie Männer sie gerne hätten.“


 

- Marvin Harris (7) (übersetzt aus dem Englischen)

 

 

Die Welt als Bordell

 

Die Maya in Zentralamerika glaubten, sie könnten die weibliche Sexualität bezähmen, indem sie jungen Mädchen drohten, dass ein hypersexueller Dämon mit einem über einen Meter langen Penis unartige Frauen ergreift und sie in eine Höhle schleppt, wo er sie vergewaltigt. Sollte eine dieser Frauen dann schwanger werden, würde sie anschwellen und dann jede Nacht gebären, bis sie stirbt (8). Im mittelalterlichen Europa wurde „zu sexuellen“ Frauen weisgemacht, sie wären vom Teufel verführt worden, einem riesigen, schwarzen, monströsen Wesen mit einem enormen Penis und Sperma so kalt wie Eis (9).

 

Doch das Bild der promisken Frau als Pathologie und Widernatürlichkeit ist nicht nur ein Relikt aus dem Mittelalter. Ende des 19. Jahrhunderts schrieb der deutsche Neurologe Richard von Krafft-Ebing, dass eine Frau einen schwachen sexuellen Trieb hat, wenn sie sich mental normal entwickelt hat. Wäre dem nicht so, würde sich die Welt in ein Bordell verwandeln und Ehe und Familie seien unmöglich. Die Idee, dass die meisten Frauen Sexualität genießen, ja sogar brauchen, wäre für die meisten Männer schockierend und für die meisten Frauen beschämend gewesen (10). Vielleicht ist es das immer noch, denke ich, als ich Maria zuhöre. 

 

Dabei genießt sie Sex sichtlich. Sie sieht Sex nicht als Mittel, um dem Mann zu dienen, worauf weibliche Sexualität in einer patriarchalen Kultur ja lange Zeit reduziert wurde. „Guter Sex ist für mich, wenn der Mann Spaß daran hat, von sich aus mir Spaß zu bereiten. Wenn er sich Zeit nimmt, meinen Körper zu entdecken und meine Körpersprache liest. Ich bin gerne devot, aber ich liebe es, wenn wir uns Zeit nehmen. Es muss langsam voran gehen, bevor meine Genitalien anfangen anzuschwellen. Aber dann kann es richtig losgehen. Jedoch will ich zuerst klitorial kommen. Dann kann er mich auch mal härter durchficken, so dass ich auch vaginal komme.“

 

„Mein erster Sexpartner hatte da einen großen Einfluss auf mich. Ich hatte göttlichen Sex mit ihm. Aber er hat sich stundenlang Zeit für mich genommen. Und mir Sachen an meinem Körper gezeigt, die ich bis dahin nicht kannte. Und er hat mir geholfen, meine Hemmungen gegenüber meinem Körper und meiner Sexualität abzubauen. Leider hat sich das rumgesprochen und dann hat es nicht lange gedauert und ich wurde mit dem Namen einer Pornodarstellerin gehänselt. Somit waren die Hemmungen wieder da. Der Kit Kat Club ist der einzige Ort, wo ich diese zumindest ein wenig fallen lassen kann, wo ich etwas mehr so sein kann, wie ich will.“

 

 

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(1) Vgl. Jethá, C.; Ryan, C. (2010): Sex at Dawn – The Prehistoric Origins of Modern Sexuality, New York, S. 47.

 

(2). Name geändert

 

(3) Vgl. Jethá, C.; Ryan, C. (2010): Sex at Dawn – The Prehistoric Origins of Modern Sexuality, New York.

 

(4) Vgl. idem, S. 39; S. 98.

 

(5) Vgl. idem, S. 76.

 

(6) Vgl. idem, S. 91.

 

(7) Vgl. Harris, M. (1989): Our Kind – Who We Are, Where We Came From, Where We Are Going, New York, S. 261.

 

(8) Vgl. Jethá, C.; Ryan, C. (2010): Sex at Dawn – The Prehistoric Origins of Modern Sexuality, New York, S. 253.

 

(9) Vgl. idem, S. 252.

 

(10) Vgl. idem, S. 250.

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